28 cm Kanone 5 (E)




Mit dem Bau der Kanonen vom Typ "Schwerer Bruno" war das Eisenbahn-Sofort-Programm der Wehrmacht abgeschlossen. Das Deutsche Reich hatte mit diesem Programm einen ersten Bedarf an Eisenbahngeschützen decken können, wobei die Rohre meist alte Marinerohre aus Kaiserzeiten waren, und für die Lafetten die des Ersten Weltkriegs als Ausgangspunkt dienten. Während die anderen Nationen, vor allem Frankreich, noch genügend Geschütze aus dem WWI hatten, musste das unter Hitler aufrüstende Deutschland mit dem Sofort-Programm wieder neue Geschütze bauen. Doch obwohl die Luftwaffe mittlerweile strategische Angriffe viel besser übernehmen konnte, bestand Hitler darauf auch moderne Eisenbahngeschütze im Rahmen des "Langzeit-Programms" zu entwickeln. Gefordert wurden vor allem verbesserte Lafetten, der Einsatz von Hydraulik und Elektrik, und vor allem neuzeitliche Rohre, anstatt alter Marinegeschütze. Neben den Exoten, wie dem Fernkampfgeschütz K12 oder der 80 cm Kanone, beinhaltete das Programm neue "Bruno"-Versionen und die Kanone 5, das Standardgeschütz der Wehrmacht während des 2. Weltkriegs.
Die Entwicklung der Kanone 5 kam etwa 1934 ins Rollen und begann mit dem Bau von zwei Versuchsrohren kleineren Kalibers mit denen die zweckmäßigste Form von Zügen und Geschossen ermittelt werden sollte: Das 15 cm K 5M Geschütz hatte wenige tiefe Züge für Geschosse mit gekrümmten Rippen und die 15 cm Kanone 5MKu besaß normale Züge. Die 15 cm Kanone 5M wurde bereits 1936 erprobt und bis 1939 war die erste 28 cm K5 (E) ausgeliefert. Das Rohr hatte wie die 15 cm Versuchskanone K 5M wenige tiefe Züge. Genaugenommen hatte das 85,0 Tonnen schwere Rohr zwölf Züge von 10 mm Tiefe. Die ersten acht bis 1940 ausgelieferten Geschütze hatten dieses Rohr. Die genaue Bezeichnung, zur Unterscheidung von späteren Versionen, war "28 cm K 5 T 10 (E)", wobei "T" für Tiefzug steht. Mit der normalen Sprenggranate, die ein Gewicht von 255,5 kg hatte, erreichte das Geschütz bei größter Rohrerhöhung von 55° eine Schussweite von 62,4 Kilometer. Die Granate besaß zur Übertragung des Dralls zwölf in die Züge passende Weichmetallrippen (Drall-Ringe). Wie alle deutschen Eisenbahngeschütze aus dem Ersten und Zweiten Weltkrieg hatte auch das Rohr der 28 cm Kanone einen Keilverschluss und stammte von der Firma Krupp. Die Rohrwiege saß mit ihren hohlen Schildzapfen in den auf den Längsträgern verschraubten Lagern und wurde zusätzlich durch Passstücke gegen eine Längsverschiebung gesichert. In der Wiege befanden sich die beiden hydraulischen Rücklaufzylinder und der Luftvorholer. Da die Schildzapfen sehr weit hinten lagen war eine große freie Rohrlänge vorhanden. Diese Lage der Zapfen verhinderte ein Anschlagen des Verschlusses am Boden bei großen Rohrerhöhungen, konnte aber auch zu Durchbiegungen infolge der Eigenmasse führen. Um dies zu Unterbinden war am Rohr ein Spannwerk angebracht. Außerdem waren noch zwei Zugstangen vorhanden, welche mit dem zwischen den Trägern liegenden Ausgleichszylinder verbunden waren. Dort befand sich auch das elektrisch betriebene Höhenrichtwerk. Zur Sicherheit war auch eine Haltebremse für das Höhenrichtwerk vorhanden.
Das Tragwerk des Geschützes war nicht mehr, wie bei den älteren Kanonen, genietet, sondern besaß zwei verschweißte Kastenträger. Sie lagerten auf zwei sechsachsigen Drehgestellen, die Druckluftbremsen besaßen. Um den Rohrrücklauf besser aufnehmen zu können, konnte das hintere Drehgestell um etwa 1,9 m nach hinten gezogen werden. Das Feinrichten der Kanone geschah mittels einer elektrisch betriebenen Spindel auf dem vorderen Fahrgestell. Das grobe Richten geschah üblicherweise über eine Schießkurve oder die Vögele-Drehscheibe. Zur Energieversorgung kam ein Maybach Benzinmotor zum Einsatz, der einen Ward-Leonard-Generator antrieb. Während des Transports befanden sich diese Aggregate auf dem Munitionszubringerwagen während sie in Feuerstellung auf das hintere Drehgestell geschoben wurden.
Die Munitionszufuhr war sehr aufwendig: Jedes Geschütz benötigte einen Munitions-, Kartusch- und Temperierwagen. Der Letztere wurde durch Schläuche mit dem Kartuschwagen verbunden, um die Kartuschen auf die erforderliche Temperatur zu bringen. In der Feuerstellung wurden dann Brücken zwischen Munitionszubringerwagen und Kartusch-, sowie Munitionswagen verlegt, um die Munition in die Lademulden zu befördern. Der Zubringerwagen beförderte die Munition dann zum Geschütz, wo ein Kran die beladenen Mulden auf den Ladekarren des Geschützes hob. Auf den Schienen der Ladeplattform der Kanone wurde dieser Karren dann zum Verschluss geschoben, wo Geschoss und Kartusche elektrisch über eine Gleitbahn in das Rohr eingeführt wurden. Schoß man von einer Drehscheibe, transportierte ein Wagen die Lademulde auf einer Ringbahn zum Geschütz.
Zum Transport der 28 cm Kanone 5 (E) waren zwei Züge notwendig: Zum einen der Geschützzug, der aus einer 40 t Lokomotive, dem Geschütz, Temperierwagen, je zwei Geschoss- und Kartuschwagen, einem Feuerleitwagen, einem Zubehör- und Werkzeugwagen, einem Flak- und einem Küchenwagen bestand. Zum andern war noch ein Drehscheibenzug notwendig, der die Vögele-Drehscheibe transportierte. Er bestand aus einer Lokomotive, zwei Wagen mit der zerlegten Drehscheibe und Gleisteilen, je einem Kran-, Werkstatt und Flakwagen, weiteren Munitionswagen, Mannschaftstransportwagen und bis zu neun weiteren Wagen zum Transport von Ersatzteilen und Kraftfahrzeugen.


Im Verlauf des Krieges kam es immer wieder zu Abrissen der Geschossführungsrippen und zu Rissen in den Rohren. Deshalb wurde die Zugtiefe von 10 auf 7 mm verringert, was zur "28 cm Kanone 5 T 7 (E)" führte. Das Auftreten von abgerissenen Geschossrippen konnte aber erst mit neuen Weicheisen-Führungsringen und einer weiteren Veränderung der Züge behoben werden. Die Anzahl der Züge wurde von 12 auf 60 erhöht und die Tiefe nahm in Richtung Rohrmündung von 5 auf 3 mm ab. Das neue Geschütz hatte die Bezeichnung "28 cm Kanone 5 Vz (E)" (Vz für Vielzug).


Neben dem Rohr wurden aber auch die Geschosse zahlreichen Verbesserungen und Veränderungen unterzogen. Neben der ursprünglichen Granate von 255,5 kg mit 30,5 kg Sprengstoff gab es ein Einschießgeschoss, ein Übungsgeschoss und ein Messgeschoss. Für die Tiefzugrohre wurde später noch eine R-Granate entwickelt, die einen zusätzlichen Raketenantrieb besaß. Dieser zündete nach einer Geschossflugzeit von 19 s und erhöhte die Reichweite auf 86,5 km. Durch den zusätzlichen Antrieb sank das Gewicht der Sprengladung allerdings auf 14,0 kg. Die Geschosse für die Vielzugrohre bekamen später anstatt der Führungsrippen einen breiten Weicheisenführungsring, ansonsten entsprachen sie jedoch denen der Tiefzugrohre. Um bei den Versorgungsproblemen der Wehrmacht die Anzahl unterschiedlicher Geschosse zu reduzieren, wurde auch eine neue Granate entwickelt, die auch von der "Neuer-Bruno"-Kanone verschossen werden konnte. Außerdem arbeitete Krupp 1944 noch an einer verlängerten 190 kg Sprenggranate, die eine Ladung von 27 kg gehabt hätte. Sie hatte eine verbesserte Geschossform mit Hohlboden, die eine größere Schussweite versprach.


Eine wirkliche Steigerung der Reichweite wurde durch die Verwendung von Pfeilgeschossen erreicht. Sie konnten aber nur aus glatten Rohren verschossen werden, so dass die 28 cm Kanonen aufgebohrt werden mussten. Dies führte zur "31 cm Kanone 5 gl (E)". Das Aufbohren resultierte aber in einer dünneren Wandstärke, die das Rohr zwei Tonnen leichter werden ließ. So nahm auch seine Biegefestigkeit ab. Dem wurde durch eine verlängerte Wiege in Form eines durchbrochenen Kastens entgegengewirkt. Ansonsten entsprach das Geschütz aber der 28 cm Kanone. Mit dem von der Firma Röchling entwickelten, unterkalibrigen und flügelstabilisierten "Peenemünder Pfeilgeschoss" konnten nun bei einer Anfangsgeschwindigkeit von 1.420 m/s Schussweiten von bis zu 127,5 km erreicht werden. Alliierte Berichte über Schußversuche sprechen sogar von 151,0 km! Der eigentliche Geschosskörper hatte dabei nur noch einen Durchmesser von 120 mm. Der dreiteilige Treibring saß knapp hinter der Geschossmitte und löste sich nach ein bis drei Kilometern Flugbahn und fiel zu Boden. Am Geschossende waren Flügel angeschweißt, deren Weicheisenkämme die Führung im Rohr übernahmen.


Ursprünglich war geplant worden 36 Geschütze K 5 (E) zu bauen, doch von allen Ausführungen der K 5 wurden insgesamt 22 ausgeliefert. Von diesen waren 1944 noch 12 vorhanden: sechs mit Tiefzug, zwei mit Vielzug und vier mit glattem Rohr. Heute ist noch eines dieser Geschütze, das den Namen Leopold trägt, im amerikanischen Ordonance Museum, Aberdeen Proving Ground zu bewundern. Ein weiteres aber schon recht verwittertes Geschütz steht im Batterie Todt Museum an der Kanalküste Frankreichs.



Die 31 cm Kanone 5 gl (E) mit glattem Rohr entstand durch Aufbohren der 28 cm Kanone. So konnte das Peenemünder Pfeilgeschoss mit einer Reichweite von bis zu 127,5 km verschossen werden.

Bezeichnung des Geschützes: 28 cm Kanone 5 (E)
Hersteller: Krupp
Stückzahl: 22 (alle Ausführungen)
Rohr:  
Kaliber (mm): 283
Rohrlänge (Kal.): 76,1
Länge Züge (Bohrung) (Kal.): 61,5 (72,6)
Rohrmasse (t): 85
Lafette:  
Richtbereich Höhe (°): -0 bis +55
Richtbereich Seite (°): 1,0
Gesamtmasse (t): 218,000
Länge über Puffer (m): 31,11
feuert von: Gleis, Drehscheibe
Sprenggranate/Sprenggranate mit Raketenzusatzantrieb:  
Geschossmasse (kg): 255,5/247,0
Anzahl der Treibladungen: 2/1
Anfangsgeschwindigkeit Vo (m/s):  1.120/1.130
Höchstschussweite (km): 62,4/86,5

die 28 cm Kanone 5 (E) beim Feuern in Frankreich



Interne Links zum Thema

Bildergalerie 28 cm Kanone 5 (E)



 

Text by UncleK. Letztes Update:  7. September 2007