Patrone 5,56 mm Steyr Flechette




Geschichte

Flechettes sind Pfeil- oder Nadelgeschosse, die, um aus einem Lauf abgefeuert werden zu können, einen Treibspiegel oder einen Treibkäfig benötigen, da sie unterkalibrig sind. Die Geschosse haben eine sehr hohe Mündungsgeschwindigkeit und eine gute Penetrationskraft. Sie fliegen nahezu gerade und über sehr weite Entfernungen. Solche Pfeilgeschosse wurden bereits vor dem Existieren von Kugeln aus Stein oder Blei in den Feuerwaffen und Pulvergeschützen verwendet. Erst ab dem Jahr 1400 wurden durchweg Bleirundkugeln aus Handfeuerwaffen verschossen.
In den 30er Jahren des 20. Jahrhunderts wurden in Deutschland die Peenemünder- und die Röchlinger Pfeilgeschosse für Ferngeschütze mit einer Reichweite von mehr als 100 km entwickelt (siehe bei den Eisenbahngeschützen in der Großgerätesektion). Nachdem diese Versuche von Erfolg gekrönt waren, versuchte man derartige Projektile auch für Handfeuerwaffen einzuführen. 1950 experimentierte die US-Army mit Flechettes für Infanteriewaffen. Die ballistischen Eigenschaften ließen sich hierbei größtenteils von Artilleriemunition auf Infanteriemunition übertragen. Während des Vietnamkrieges wurden Versuche mit der Patrone .223 Remington (5,56x45 mm NATO) durchgeführt. Dieses Geschoss durchschlug einen US-Stahlhelm auf 760 m und hatte eine Mündungsgeschwindigkeit von 1.516 m/s, verfügte aber nicht über genügend Präzision. Somit verlor das Militär Anfang der 70er Jahre schnell das Interesse an diesen Geschossen.
Anno 1980 trat die US-Army mit einem Forschungsauftrag für ein Advanced Combat Rifle (ACR) an die Firma Steyr heran, welche gerade an einer hülsenlose Patrone (das 'Usel Patent') arbeitete. Unter dem seit den 90er Jahren OICW benannten Projekt (am Anfang war das SPIW, dann das SAW Projekt und danach das OICW), wurde nach einer Waffe gesucht, mit welcher der US-amerikanische Infanterist ins neue Jahrtausend ziehen sollte. Die Firma Steyr brachte in diese Ausscheidung das Steyr ACR ein, welches die Munition 5,56 mm Steyr Flechette verwendet. Das OICW Programm entschied allerdings Heckler und Koch mit seinem OICW-Entwurf für sich.



Das Steyr ACR

Das 5,56 mm Steyr Flechette:

Das 5,56 mm Steyr Flechette besteht aus einer Kunststoffhülse, einem Treibkäfig, einem Ringzünder und dem eigentlichen Flechette. Diese gesamte Verbindung heisst SCF oder Synthetic Cased Flechettes. Die Hülsenlänge beträgt 45 mm. Da das gesamte Geschoss in der Hülse sitzt, ist dies auch gleichzeitig die Gesamtlänge der Patrone. In der SCF wird das 41,25 mm lange Flechette von einem 4-fach segmentierten Treibkäfig gehalten, welcher das Flechette dann auch durch den Lauf bringt, dieser Treibkäfig besteht ebenfalls aus Kunststoff. Das Patronengewicht liegt bei 5,1 Gramm, das ist mehr als die Hälfte weniger als eine .223 Remington wiegt. Das Geschoss selbst bringt 0,66 g auf die Waage. Der Lauf des ACR ist gedreht damit das Geschoss durch die zusätzliche Rotation stabiler wird; so können auch Produktionsfehler kompensiert werden. Die Patrone verfügt, im Gegensatz zu normalen Geschossen, über kein Zündhütchen sondern über einen Ringzünder der die Treibladung durch einen Schlag auf diesen am Geschossende um die Hülse herum plazierten Ring entzündet. Das Flechette steht mit den Heckflossen im Pulver. Um den entstehenden Drall durch die einseitige Zündung auszugleichen sind die Leitwerksflügel stärker ausgeprägt was auch zur Flugstabilisierung beiträgt. Außerdem hat es zur Folge, dass sich der Treibspiegel durch die höhere Fliehkraft besser abtrennt.



Die Fertigung:

Ein Flechette ist in der Herstellung verhältnismäßig teuer, weshalb es viele Staaten ablehnen diese Munition für ihre Streitkräfte zu beschaffen. Der Stahlrohling wird gezogen und weichgeglüht, dann werden die Leitwerksflossen angepresst, ist dies geschehen wird die Spitze angeschliffen und der komplette Pfeil oberflächengehärtet, dabei passiert es, dass sich manche Werkstücke verziehen und nachgeschliffen werden müssen, was im Endeffekt die Präzision mindert. Anschließend wird das Flechette sandgestahlt damit es in den Treibkäfig passt. Zum Schluß wird es samt Käfig in die Hülse verbracht.



1. 7,62x51 mm NATO; 2. 7,62x39 mm; 3. 5,56x45 mm NATO; 4. 4,7 mm HK hülsenlos; 5. 5,56 mm Steyr Flechette SCF und Projektil

Die Flugballistik und die Wundballistik:

Das Geschoss weist eine sehr gute Ballistik auf. Bei einer Mündungsgeschwindigkeit von 1.480 bis 1.500 m/s sinkt die V0 erst nach 600 m auf etwa 910 m/s . Die Flugbahn verläuft äußerst flach, so trifft ein Flechette auf 600 m nur 33 cm über der Ziellinie. Bei der .223 Remington beträgt diese Flugbahnerhöhung bereits 155-180 cm. Auf 600 m werden von der Flechette immer noch 35 mm Stahl durchschlagen.
Im menschlichen Körper führen diese Geschosse zu fürchterlichen Verletzungen, welche Anlass waren sie international zu ächten und auf Kriegsschauplätzen zu verbieten. Denn im Zielmedium (beispielsweise 20 prozentige Gelatine) wird das Flechette instabil und verformt sich. So verbog sich die Spitze bei den NATO Tests angelhakenförmig oder das gesamte Geschoss nahm eine U-Form an. Das Flechette neigt aber auch dazu sich im Ziel um 90 bis 180° zu drehen. Durch diese Verformungen und Querbewegungen gibt das Projektil einen Großteil seiner Energie ab und reißt eine vergleichsweise große Wundhöhle. Desweiteren bedeutet eine Drehung aber auch, dass das Geschoss mit den Stabilisierungsflossen voran in das Ziel weiter vorstößt.
Alle gängigen Schutzwesten, Gefechtshelme und Stahlhelme wurden bei den NATO-Tests erfolgreich überwunden. Dabei zog das Geschoss oftmals Teile dieses Schutzes wie auch Teile normaler Kleidung mit in den Wundkanal, welche dort ebenfalls Verletzungen hervorrufen können. Insbesondere Schutzwestenteile, die sich im Bereich um die Wunde herum ausbreiten, führen zu Sekundärverletzungen.
Der Wundkanal des Geschosses ist im Zielmedium (Mensch, Tier oder ballistische Gelatine) nicht vorhersagbar, so fliegt das Geschoss relativ gerade durch Stahl, verformt sich aber im weichen Ziel und kann dort, innerhalb von der Physik gegebener Grenzen, die Richtung ändern. Es ist natürlich ein Ding der Unmöglichkeit, dass sich die Steyr Flechette, wie auf manchen Webseiten angegeben, "von der Brust in den Oberschenkel" vorarbeitet.



Das Flechette im Treibkäfig und die Kunststoffhülse.

Bezeichnung des Kalibers: 5,56 mm Steyr Flechette
Entwicklung: Steyr
Jahr der Einführung: zw. 1980-1990
Gesamtlänge/Hülsenlänge: 45 mm
Patronengewicht: 5,1 g
Geschosslänge: 41,25 mm
Geschossdurchmesser: 1,58 mm
Geschossgewicht: 0,66 g
effektive Reichweite: ca. 1.500 m
größte Reichweite: > 3.500 m
Mündungsgeschwindigkeit: 1.450 m/s
Geschwindigkeit nach 600 m: 910 m/s
Bei den oben angegebenen Werten handelt es sich um Durchschnittswerte. Abweichungen davon können durch Pulver, Geschoss, Patrone oder andere Einflüsse hervorgerufen werden.  


 

Text by Father Christmas. Letztes Update:  7. September 2007