Messerschmitt Me 321 Gigant




Im Zuge der Vorbereitungen zur „Operation Seelöwe“, der geplanten Invasion des britischen Festlands, suchte das OKW nach Transportmöglichkeiten für die Invasionsflotte. Diese Invasionsflotte ausschliesslich auf dem Seeweg über den Kanal zu schicken, erschien den planenden Offizieren allerdings als eine fast unlösbare Aufgabe. Die Grundbedingung für eine erfolgreiche Landungsoperation waren gesicherte Brückenköpfe im Landungsbereich, um die Verluste durch gegnerische Artillerie und Infanterie so gering als möglich zu halten. Aus den Erfahrungen bei der Erstürmung des belgischen Speerforts Eben-Emael am 10. Mai 1940, das von deutschen Fallschirmjägern eingenommen worden war, zogen das OKW und das RLM folgende Schlüsse: Eben-Emael war von 41 Transportmaschinen des Typs Junkers Ju 52/3m und angehängten 10-sitzigen Lastenseglern DFS 230 genommen worden. Die DFS 230 waren lautlos auf dem Fort und in der Nähe der drei anzugreifenden Maas-Brücken gelandet, ihre neun Mann Besatzung hatten dann mit Pioniersprengmitteln und Handfeuerwaffen die vollkommen überraschten Verteidiger innerhalb weniger Stunden überwältigt. Dieser Handstreich sicherte den erfolgreichen Ausgang des Westfeldzuges. Für eine Grossoperation wie die Landung in England war aber keineswegs die benötigte Anzahl Lastensegler aufzutreiben. Der Lastensegler ist als Verbrauchswaffe gedacht. Nach der Gefechtslandung ist an eine zeitnahe Wiederverwendung nicht zu denken. Zudem benötigen die DFS 230 jeweils eine Schleppmaschine Junkers Ju 52/3m (optional: jeweils eine Junkers Ju 87, Henschel Hs 126, Heinkel He 111 oder eine Messerschmitt Bf 110), sie binden also gewaltige Transportverbände. Die geringe Zuladung von neun Soldaten ist für ein Kommandounternehmen ideal, nicht aber für die Invasion eines ganzen Küstenabschnitts.
Für die „Operation Seelöwe“ stellte das RLM im sogenannten „Unternehmen Warschau“ einen Forderungskatalog auf, der den Bedarf an geeigneten Lastenseglern befriedigen sollte. Die Fertigung des Lastenseglers sollte soweit als möglich aus Holz und einem Stahlrohr-Skelett mit Stoffbespannung erfolgen, um kriegswichtige Materialien zu schonen und der Verwendung als Verbrauchswaffe gerecht zu werden.

 

Die Zuladung sollte die folgenden vier Lasten ermöglichen:

 

  • 130 voll bewaffnete und aufmunitionierte Soldaten mit Handfeuerwaffen,
  • eine 8,8 cm Kanone mit schwerem Halbkettenfahrzeug „Famo“, Munition und Bedienungspersonal,
  • ein Panzerkampfwagen II, III oder IV, Munition und Bedienungspersonal,
  • ein Sturmgeschütz, Munition und Bedienungspersonal.


Das entspricht einem Zuladevolumen von rund 22 Tonnen, das bei Überlast auf 27 Tonnen gesteigert werden konnte. Nachdem Mitte Oktober 1940 die „Operation Seelöwe“ verschoben wurde, erteilte das RLM an Junkers und Messerschmitt den Auftrag, bis zum 1. November 1940 entsprechende Entwürfe vorzustellen und – im Falle einer Auftragsvergabe – zeitnah 100 Serienmaschinen produzieren zu können. Während bei Junkers das „Sonderkommando Merseburg“ am Entwurf der Junkers Ju 322 „Mammut“ arbeitet, projektierte das „Sonderkommando Leipheim“ bei Messerschmitt die Messerschmitt Me 321 „Gigant“. Nachdem der leitende Konstrukteur Fröhlich Anfang November seine Pläne zur „Gigant“ dem RLM vorgestellt hatte, begannen seine 20 Mitarbeiter und er am 6. November 1940 mit den Arbeiten an einem V-Muster. Diese Maschine, die Me 321 V-1, absolvierte am 21. Februar 1941 ihren Erstflug, geschleppt von einer viermotorigen Junkers Ju 90. Als Nutzlast hatte man vier Tonnen Ziegelsteine eingeladen. Am Tag ihres Erstfluges standen in Leipheim bereits elf, fast fertige Me 321 in den Hallen. Die vorbereitenden Arbeiten für 62 weitere Maschinen hatten gerade begonnen.




Technisch war die Me 321 „Gigant“ als abgestrebter Schulterdecker konzipiert, dessen weitspannendes Mittelflügelstück durch je einen I-Stiel zu den Rumpfuntergurten abgefangen wurde. Die Tragflächenholme bestanden aus einem verschweissten viereckigen Stahlrohrfachwerk; die Rippen, Endleisten, Mittelflügel und Aussenleiste aus Sperrholz. Ähnlich dem verschweissten Stahlrohrrumpf mit Holzformern, wurden alle Flächen mit Stoff bespannt. Die gesamte Flügelhinterkante war als Steuerklappe ausgebildet. Diese Klappen waren im Mittelflügel als vierteilige Landeklappe, in den Aussenflügeln als jeweils zweiteilige Querruder ausgelegt. Die Querruder wiesen kombinierte Servo-Trimmklappen auf. Trotz dieser elektrisch angetriebenen Trimmklappen waren die Steuerdrücke enorm hoch und führten schliesslich zu einem Doppelführerstand. Die fliegerischen Qualitäten des V-Musters waren ausgezeichnet, sieht man von den gefährlich hohen Steuerkräften ab. Das Leergewicht von 12 Tonnen und die hohe Zuladung überzeugten das RLM, so dass nach dem Scheitern des Junkers Ju 322 „Mammut“-Projekts ein erstes Baulos an Messerschmitt Me 321 A „Gigant“ geordert wurde.
Der Führerraum der Gigant wurde als Schutz gegen feindlichen Bordwaffenbeschuss gepanzert; zur Verkürzung des Rollweges erhielt das Muster einen Bremsfallschirm im Heck. Ähnlich der DFS 230 landete auch die Me 321 auf Kufen. Zum Start benötigte man einen Startwagen, der sich aus vier Reifen (davon zwei vordere, die man vom Hauptfahrwerk der Messerschmitt Bf 109 E übernommen hatte) und einem Stahlrohrrahmen zusammensetze. In den Bestandsmeldungen des Generalluftzeugmeisters standen im Spätsommer 1941 insgesamt mehr als 100 abgelieferte Messerschmitt Me 321 A-1 „Gigant“. Um dem Flugzeug die Möglichkeit zur eigenen Verteidigung zu geben, wurde die Messerschmitt Me 321 B gebaut, deren Bewaffnung aus vier MG 15 in Einzelständen bestand. Die Besatzung wurde von zwei auf drei Mann erhöht. Viele Maschinen wurden im Laufe des Krieges kampfwertgesteigert und mit dem MG 131 ausgerüstet.
Da die Junkers Ju 90 einen voll beladenen Giganten nicht zufriedenstellend schleppen konnte, entwickelte man den Troika-Schlepp. Bei dieser Schleppmethode wird der „Gigant“ von drei Zerstörern Messerschmitt Bf 110 C über drei 120 Meter lange Stahltrossen (Durchmesser 10 mm) gestartet. Die Startstrecke betrug rund 1.200 Meter, wobei die Zuggeschwindigkeit nicht unter 160 km/h absinken durfte, um die gute Steuerbarkeit der Me 110 C nicht zu gefährden. Der Troikaschlepp wurde immer wieder von schweren Unfällen überschattet. Um die kritische Phase für die Me 110 C möglichst kurz zu halten, rüstete man die Giganten mit Starthilfen, den sogenannten „R-Geräten“ (Tarnname Rauch-Gerät) aus. Diese Walther-Triebwerke leisteten 30 Sekunden lang 500 kp Schub und konnten nach dem Abbrennen an Fallschirmen abgeworfen und wiederverwendet werden. Bis zu acht mit T-Stoff betankte R-Geräte konnten an den Aussenflügeln der Me 321 A oder B befestigt werden. Um die Starteigenschaften weiter zu verbessern erfolgten Schleppversuche mit der Junkers Ju 290 A-1, die allerdings nicht in genügend grosser Stückzahl verfügbar war. In letzter Konsequenz baute man die fünfmotorige Heinkel He 111 Z, die auch im Fronteinsatz an der Ostfront erfolgreich Verwendung fand.
Bis zum Ende der Produktion verliessen 200 Messerschmitt Me 321 „Gigant“ die Fertigungshallen in Leipheim und Obertraubling bei Regensburg und wurden an der französischen Kanalküste in ihren Bereitstellungsräumen stationiert. Nachdem das OKW die „Operation Seelöwe“ gestrichen hatte, verlegten die meisten Giganten ab Juli 1941 an die Ostfront. Dort haben sie sich gut bewährt, sind allerdings mit Einbusse der absoluten Luftüberlegenheit bis 1944 weitestgehend aufgebraucht worden.



Eine Me 321 setzt zur Kufenlandung an.

Bezeichnung des Flugzeugs: Messerschmitt Me 321 A-1 Gigant
Typ: Großraumlastensegler
Hersteller: Messerschmitt, Werke Leipheim und Obertraubling
Erstflug: 21. Februar 1941
Besatzung: 2 Mann (Fliegerischer Dienst)
Höchstgeschwindigkeit: 200 km/h (nur bei Schlepp mit Heinkel He 111 Z)
Reichweite: bis 400 km je nach Einsatzbedingungen
Gewicht: 18,63 t Leergewicht
Zuladung: 22 t
Länge: 28,60 m
Höhe: 10,15 m
Spannweite: 55 m
Bewaffnung: 5 13 mm Maschinengewehre MG 131 in Einzellafetten
Produktionszahlen: 200 der Versionen A und B

Eine Me 321 beim Start. Man beachte den abwerfbaren Startwagen und die Landekufen.

Eine Gigant während eines Testlaufs der Walther-Triebwerke.



Interne Links zum Thema

Großraumtransporter Me 323



 

Text by Christian König, UncleK. Letztes Update:  7. September 2007