RIM-116 RAM

Rolling Airframe Missile


Eine RIM-116 RAM wird von Bord der LHD-5 USS Bataan Ende März 2001, während eines Selbstverteidigungstests mit scharfen RAM-Flugkörpern, abgefeuert. Links im Vordergrund ein achtfach ESSM-Starter. (Picture by US Navy)

Geschichte

Um der Bedrohung mittlerer und kleinerer, sowie in der Regel unbewaffneter, Schiffe und Boote durch Anti-Schiff-Flugkörper entgegenzutreten, begannen Firmen in Deutschland (RAM Sys GmbH (Firmenkonsortium aus MBDA (ehemals EADS), Diehl und BGT)), Dänemark und den USA (Raytheon - General Dynamics) Anfang 1970 gemeinsam mit der Entwicklung eines ASMD (Anti-Ship-Missile-Defense - Seezielflugkörperabwehrsystems). Das Ergebnis dieser Studie hatte 1975 seinen Erstflug auf der White Sands Missile Range. Um die Kosten gering zu halten, wurden auf bereits verwendete Baugruppen aus den Flugkörpern AIM-9 Sidewinder bzw. MIM-72 Chaparral und FIM-92 Stinger zurückgegriffen. Das Endkonstrukt, als XRIM-116 bezeichnet, flog 1978 zu ersten Mal. Ein vollständiger Entwicklungsauftrag ging im Jahre 1979 an den Hersteller. 
In den Jahren 1982 und ´83 wurden bereits erste erfolgreiche Abschüsse mit der Rakete durchgeführt, aufgrund von technischen Problemen wurde das Waffensystem jedoch nicht vor 1987 vollendet.
1983 wurde in Deutschland erstmals der Bedarf an einem Kurzstrecken-Anti-Seezielflugkörper-Flugkörper angemeldet, hierfür sollte der 1979 aus dem ASMD entwickelte DMRA (Dual-Mode Rolling Missile), später als XRIM-116 bekannt, verwendet werden.
Heute wird das RAM-System in der Bundesmarine auf den Schiffen der folgenden Klassen eingesetzt:



  • 124 Zerstörer Sachsen-Klasse, 2 Startgeräte
  • 103B Zerstörer Lütjens-Klasse; 2 Startgeräte
  • 123 Fregatte Brandenburg-Klasse; 2 Startgeräte
  • 122 Fregatte Bremen-Klasse; 2 Startgeräte
  • 143 Schnellboote Gepard-Klasse; 1 Stargerät

Die Bundesmarine wird in auch in Zukunft nicht auf das RAM-System verzichten. So werden die Korvetten der Klasse 130 mit einem und der Industrievorschlag eines LCG (Littoral Combatant Germany), eine Ergänzungsschiffsklasse zur K130, nach momentaner Planung mit zwei RAM-Startern bewaffnet werden.
Es ist anzunehmen, dass, wenn es denn realisiert werden sollte, das ETrUS (Einsatztruppenunterstützungsschiff) ebenfalls das RAM zu seiner Verteidigung tragen wird.

In der US Navy setzen folgende Schiffe das System ein:



  • CVN-68 USS Nimitz Flugzeugträger Nimitz-Klasse; zwei Startgeräte
  • CVN-65 USS Enterprise Flugzeugträger Enterprise-Klasse; zwei Startgeräte
  • CV-64 USS Constellation Flugzeugträger Kitty Hawk-Klasse; zwei Startgeräte
  • DD-972 USS Oldendorf Zerstörer Spurance-Klasse 1 Startgerät
  • DD-977 USS Briscoe Zerstörer Spurance-Klasse 1 Startgerät
  • DD-978 USS Stump Zerstörer Spurance-Klasse 1 Startgerät
  • DD-987 USS O´Bannon Zerstörer Spurance-Klasse 1 Startgerät
  • DD-988 USS Thorn Zerstörer Spurance-Klasse 1 Startgerät
  • Wasp-Klasse Landungsschiff; 2 Startgeräte
  • Tarawa-Klasse Landungsschiff; 2 Startgeräte
  • Harpers Ferry-Klasse Amphibisches Transportschiff; 2 Startgeräte
  • Whidbey Island-Klasse Docklandungsschiff; 2 Startgeräte

Zukünftig werden in der US Navy auch die Docklandungsschiffe der San Antonio-Klasse (ab 2005 gefertigt) mit zwei und vermutlich auch die Flugzeugträger der CVNX-Klasse (ab 2013 gefertigt) mit dem RAM System ausgerüstet sein. Weiterhin soll die USS John F. Kennedy, der letzte nicht-atomar-betriebene Flugzeugträger der US Navy, mit zwei RAM Startgeräten nachgerüstet werden.
Die einzigen Nicht-Entwickler-Nationen welche das RIM-116 (B Block 1) RAM verwenden (wollen) sind Griechenland und Südkorea. Die griechischen Patrouillenboote der Super-Vita-Klasse sind mit einem Mk.31-21-fach-RAM Starter ausgerüstet. Die südkoreanische Marine stellt je einen RAM-Starter auf den Zerstörern der KDX-2 Klasse in Dienst. Sowohl die Boote der Super-Vita Klasse als auch die KDX-2 Zerstörer sollen Ende 2003 ihren Dienst aufnehmen.



Technik

Die Lafette für das Mk.44 ist verändert vom Phalanx-System übernommen worden und wird Mk.49 GMLS genannt, auf ihm ist der RAM-Container um 360° schwenkbar.
Der etwa 3,5 m lange Mk.44 Behälter enthält 21 RIM-116 Flugköper, in verschlossenen nachladbaren Startrohren. Das GMRP ist, montiert auf den Mk.49, in der vertikalen zwischen -25° und + 80° richtbar. Eine Prototyp-Variante des Startgerätes, als EX-31 bezeichnet, fasste noch 24 Raketen. Die EX-31 und eine als RAM-Ordalt bezeichnete Variation des Sea Sparrow Startgerätes, welches je fünf Flugkörper in zwei vorhandenen Sea Sparrow Startzellen trug, wurden zwar in geringen Stückzahlen auf der White Sands Missile Range getestet, sind aber letztenlich in dieser Form nicht eingeführt worden.
Der Mk.44 und der Mk.49 wiegen kombiniert 5.185 kg, dazu kommt noch einmal eine knappe Tonne (938 kg) an elektronischen Geräten, welche unter Deck montiert werden müssen. Der gesamte Mk.31 Komplex wiegt also 6.123 kg.
Das RAM-System benötigt keine speziellen Sensoreinrichtungen. Seine Rechnersysteme können mit verschiedenen bereits existierenden und zukünftigen Radarsystemen verbunden werden. Diese Systeme erkennen und erfassen eine ankommende Bedrohung und das RAM reagiert selbstständig. Die Reaktionszeit des RAM-Systems liegt bei etwa 0,1 s.



Vorbildähnliche Zeichnung des RIM-116. Verschiedenenfarbig dargestellt sind die Bauteile des RAM die entweder (cyan) neuentwickelt wurden, (gelb) aus dem Stinger-Fk stammen oder (rot) der Sidewinder-Rakete entnommen wurden.

Flugkörper

Entsprechend dem Aufgabenprofil ist der RAM ein gelenkter "fire-and-forget" Allwetter-Flugkörper geringer Reichweite. Zusätzlich sollte die Rolling Airframe Missile kostengünstig sein. Da sich Kostengünstigkeit und Neuentwicklung in der Regel nicht vereinigen lassen, wurde für den Flugkörper größtenteils auf bereits benutzte Technologien zurückgegriffen. Und so ergibt sich optisch eine Verwandtschaft zu Sidewinder bzw. Stinger.
Der RAM hat am Bug und Heck zwei ausklappbare Flügel. Diese fahren sofort aus, wenn der RAM sein Startrohr verlässt. Das Startrohr gibt dem RIM-116 auch einen Drall, d.h. der Flugkörper dreht sich auf dem Weg zum Ziel, wie ein Geschoss aus dem Büchsenlauf, um seine eigene Achse (daher der Name: RAM - Rolling Airframe Missile - rollender/drehender Flugkörper). Die Flügel unterstützen, ebenso wie der Drall die Flugstabilität des Flugkörpers.
Angetrieben wird der 2,82 m Lange RAM-Fk durch den Mk.36 Mod. 7 Raketenmotor der Firma Rocketdyne. Dieser einstufige Feststoffbooster wird in der AIM-9 Sidewinder Luft-Luft-Rakete und ihrer bodengestützten Version, der MIM-72 Chaparall verwendet und beschleunigt den RIM-116 auf mehr als das Doppelte der Schallgeschwindigkeit.
Ebenfalls aus der Sidewinder stammen der Gefechtskopf und der Annäherungszünder sowie der zwischen beide gesetzte Sicherheitsschalter.
Der 11,3 kg schwere WDU-17/B ist ein ABF-Gefechtskopf (Annular Blast Fragmentation - Druck-Splittergefechtskopf). Ausgelöst wird der WDU-17, der seine Splitter ringförmig verteilt, durch den Mk.27 Näherungszünder. 
Damit der Zünder den Gefechtskopf nicht zu früh oder versehentlich zündet, wurde der Mk.13 Mod 2 Sicherheitsschalter zwischen beide geschaltet. Dieser deaktiviert sich erst nachdem Abschuss.
Der gasgekühlte Infrarotsuchkopf wurde von der Stinger (FIM-92, auch Fliegerfaust 2) übernommen. Er arbeitet im ultravioletten Bereich des Lichtes und reagiert selbst auf geringe Wärmeemissionen (Triebwerksabgase, Anströmkanten der Tragflächen, etc.) die eine anfliegende Rakete oder ein Flugzeug ausstrahlen könnte. Der Stinger-Suchkopf ist nur äußerst schwer durch Gegenmaßnahmen, wie bspw. Fackeln (Flares), zu beeinflussen. Aktive Gegenmaßnahmen gegen den RIM-116 bzw. seinen Suchkopf sind, beim Einsatz gegen ankommende Flugkörper zu vernachlässigen, da sich selbst moderne Seeziel-Flugkörper lediglich auf evasive Flugmanöver (zick-zack) im Zielanflug zum Schutz gegen einen Abschuss beschränken.
Zusätzlich zum IR-Suchkopf verfügt RAM über einen neuentwickelten passiven RF(Radio-Frequency)-Sucher. Dieser orientiert sich, wenn denn vorhanden, an den Radaremissionen des Suchradars ankommender Flugkörper oder Flugzeuge. Mit Informationen versorgt wird der RF-Sucher durch eine Antenne an der Flugkörperspitze. Die Zielsuche im Endanflug geschieht bei der RIM-116A RAM Block 0 ausschließlich im RF-Modus.
Das seit August 1999 einsatzbereite Upgrade RIM-116B bzw. RAM Block 1 erhielt eine veränderte Suchsoftware. Der komplette Anflug, einschließlich des Zielendanfluges kann nun auch ausschließlich im IR-Modus geschehen. Als dritte Option kann nun auch ein Zwei-Wege Verfahren genutzt werden. Hierbei sind IR- und RF-Sucher aktiv, wobei der IR-Sucher zu Beginn den RAM steuert. Werden ausreichend Radaremissionen des ankommenden Fluggerätes durch den RF-Sucher des RIM-116B aufgefangen, so schaltet dieser automatisch in den RF-Modus.
Hat der RAM einmal auf sein Ziel aufgeschaltet fliegt er vollkommen autonom. 
Tests zeigten eine 95prozentige bzw. eine 96,5-prozentige Erfolgsquote des RIM-116B RAM Block 1 Systems (150 Testziele (143 vernichtet); 111 Testziele (106 zerstört)).
Bei den Tests der US Navy für den RAM Block 1 im 2. und 3. Quartal 1999 an Bord der USS Gunston Hall (LSD-44) wurden 23 von 24 Testzielen, MQM-8 Vandal Zieldrohen mit einer Geschwindigkeit von 2,5 Mach, abgeschossen.
Bei einem weiteren Drohnentest der US Navy, am 10.04.2002 konnte von Bord der USS Fort McHenry (LSD-43) lediglich eine von drei anfliegenden BGM-71E Drohnen bekämpft werden. Begründet wurde dies damit, dass eine Beschädigung von Mensch oder Schiff durch umherfliegende Splitter, bei einer Vernichtung der beiden ferngelenkten Drohnen nicht hätte ausgeschlossen werden können.
Der zuletzt beschriebene Vorfall, zeigt den Nachteil der geringen Reichweite des RAMs auf: Ein Seeziel-Flugkörper, mehr als doppelt so schnell wie der Schall, kann vom RIM-116 zwar erfolgreich zerstört werden, aber dennoch Beschädigungen an Schiff und dessen Besatzung verursachen, da sich die vielen tausend Teile des Flugköpers weiterhin, ungehindert und mit hoher Geschwindigkeit auf das Ziel zubewegen. Allerdings dürften die Schäden durch einen Splitterregen eher zu verkraften sein, als jene welche der Sprengkopf des Seezielflugkörpers anrichten würde. Weiterhin ist die Einwirkung durch Splitter beim Einsatz des RAM-Systems, aufgrund der größeren Bekämpfungsentfernung geringer, als bei Rohrwaffennahbereichsabwehrsystemen wie Phalanx oder Goalkeeper, welche eine Reichweite von zwei bis drei Kilometer haben.



Testabschuss einer ASMD im Jahre 1977 auf der White Sands Missile Range.

Varianten & Versionen

 RIM-116B Block 1

Das im Text beschriebene Update des RIM-116A. Die Entwicklung begann 1993 und die vollständige Produktion lief im Jahre 2000 an. Mittlerweile ist die Produktion der RIM-116A Flugkörper komplett zugunsten der RIM-116B eingestellt worden. Ein Hardware- oder Software Update der Abschuss- und Starteinrichtungen ist nicht notwendig.

 RTM-116A

Gefechtskopflose Übungsversion des RIM-116A RAM Block 0.

 RTM-116B

Gefechtskopflose Übungsversion des RIM-116B RAM Block 1.

 Sea RAM

Sea RAM soll, den Wünschen seiner Entwickler zufolge, das 20 mm CIW-System Phalanx auf Basis der M61 Kanone ersetzen. Die Lösung für dieses System ist denkbar einfach: Ein elf-Fach RIM-66B Block 1 Werfer wird anstelle der 20 mm M61-Kanone gesetzt. Das Zielsuch- und Verfolgungsradar des Phalanx-Block-1B-Systemes bleibt erhalten und unterstützt nun den RIM-116B-Flugkörper. Zusätzlich wurde noch ein FLIR (Forward Looking Infra Red) und ein ESM-Empfänger montiert. Das ganze Startsystem wiegt etwa 7.040 kg, wozu noch etwa 714 kg an Steuersystemen unter Deck hinzukommen. Das Sea RAM ist um 155° schwenkbar und hat einen Höhenrichtbereich zwischen -25° und +80°.
Wie auch RAM, entstand Sea RAM als Kooperation zwischen Raytheon und der RAM Sys GmbH. Im Februar 2001 wurde das Phalanx-CIWS der HMS York (Sheffield-Klasse; Type 42 Batch 3) gegen das Sea RAM System für einen 10-monatigen Testlauf ausgetauscht.



Der auf Deck montierte Teil des Sea RAM-Komplexes. Rechts am Radar ist das zusätzliche FLIR zu sehen. (Picture by Raytheon)

Bezeichnung des Flugkörpers: RIM-116 RAM SAM
Typ: Schiffsgestützter Anti-Seezielflugkörper-Flugkörper für die Nahbereichsverteidigung
Hersteller: Raytheon und RAM Sys GmbH
Indienststellung: 1989
Baujahr: 1989
Antrieb: einstufiger Feststoffraketenmotor
Höchstgeschwindigkeit: +2.048 km/h (mehr als Mach 2)
Reichweite: 7,5 km
Gewicht: 73,5 kg
Länge: 2,82 m
Durchmesser: 127 mm
Spannweite: 445 mm
Gewicht des Sprengkopfs: 11,3 kg ABF
Zielsuchsystem: passiv RF & IR (siehe Text)
Zünder: Annäherung
Produktionszahlen: mehr als 1.800 Raketen; noch in Produktion

Versuchs-RAM-Starter Anfang 1982 auf der US Pazifikinsel San Nicolas. (Picture by US Navy)


 

Text by Father Christmas, Korrektur: Bill Kilgore, UncleK, Dirk. Letztes Update:  7. September 2007