Ruhrstahl X-1 (Fritz X)



Ruhrstahl X-1 im RAF Museum Hendon

Die deutsche Ruhrstahl X-1 war eine funkgelenkte Gleitbombe. Sie beruhte auf der von Rheinmetall-Borsig gebauten 1.400 kg Standardbombe, entweder der Sprengbombe Dickwandig SD 1400 aus Gussstahl (auch Fritz genannt) oder der Panzersprengbombe Cylindrisch PC 1400 aus Schmiedestahl. Die X-1 hatte verschiedenste Namen erhalten, so hieß sie zum Beispiel beim RLM (Reichs-Luftfahrt-Ministerium) "PC 1400X", die Luftwaffe nannte sie "Fritz-X" aber sie wurde auch "FX 1400" oder auch nur "FX" genannt.



Die Ruhrstahl X-1, gut zu erkennen ist die senkrechte Vorderkante und die Pfeilung an der Hinterkannte des Flügels. (Picture by Monash University, Melbourne, Australia with permission of Dr. Russell Naughton)

Technik

Um eine gute Aerodynamik zu gewährleisten, erhielt die 1.400 kg Standardbombe vier große, an der Vorderkante senkrechte, aber an der Hinterkante deutlich gepfeilte Flossen. Diese waren in der Mitte der Bombe befestigt. Am Heck befand sich ein zwölfseitiger Rahmen, der eine rechteckige Form hatte, allerdings mit schräg abgeschnitten Kanten (daher die zwölf Seiten). Das Seitenverhältnis des Rahmens war 1,5 : 1 (Breite : Höhe) und der Rahmen löste ein zuvor an ersten Testmodellen verwendetes simples Flossen-/Haubenleitwerk ab. Innerhalb des Rahmens befanden sich vier kleinere Steuerklappen, die über Elektromagnete betätigt wurden und die Steuerung übernahmen. Später versuchte man die Elektromagneten durch eine pneumatische Steuerung zu ersetzen, aber Temperaturschwankungen verursachten dabei Probleme und die Versuche wurden eingestellt. An dem Rahmen waren zudem Fackeln oder Batterielampen befestigt, die dem Bediener beim Verfolgen der Flugbahn bei Nacht halfen.
Die Steuerung erfolgte durch das Kehl/Straßburg-System (UKW), bei dem der Schütze die ganze Zeit hindurch die Gleitbombe mit Hilfe eine kleinen Steuerknüppels in das Ziel steuern musste. Nach dem Abwurf der Bombe in einer Höhe von ungefähr 6.000 m stiegen die angreifenden Flugzeuge (meist Dornier Do 217K-2) auf eine größere Hohe und verlangsamten die Geschwindigkeit, so dass sie beim Einschlag der Gleitbombe genau über dem Ziel waren, was das Zielen wesentlich vereinfachte. Es gab auch Versuche mit einer Drahtsteuerung, die einen 8 km langen Draht verwendete. Sie wurde aber aus wirtschaftlichen Gründen eingestellt. Die X-1 hatte eine minimale Abwurfhöhe von mindestens 4.000 m, was eine Reichweite von 4,5 km ergab. Bei der maximalen Flughöhe der verwendeten Flugzeuge von 8.000 m stieg die Reichweite auf bis zu 9 km. Bei einer Abwurfhöhe von 6.000 m konnte die X-1 eine Panzerplatte von 130 mm durchschlagen. Die Geschwindigkeit beim Aufprall auf das Ziel betrug etwas weniger als die Schallgeschwindigkeit.
Von April 1943 bis Dezember 1944 wurden insgesamt 1.386 Ruhrstahl X-1 gebaut. Davon wurde ungefähr die Hälfte, nämlich 602 Stück, für Tests und die Ausbildung der Besatzungen verwendet. Die Produktionsrate lag mit circa 66 Stück pro Monat weit unter dem monatlich geplanten Ausstoß von 750 Stück. Das Ende dieser mächtigen Waffe kam aber nicht wie so oft im Dritten Reich durch Produktionsschwierigkeiten, sondern durch die hohen Verluste an für den Angriff speziell ausgerüsteten Bombern und deren Besatzungen. Weil die angreifenden Flugzeuge beim Überfliegen des Zielgebiets eine relativ niedrige Geschwindigkeit hatten, waren sie nämlich ein leichtes Ziel für das Abwehrfeuer und feindliche Jagdflugzeuge.



(Picture by Monash University, Melbourne, Australia with permission of Dr. Russell Naughton)

Einsatz

Die III. Gruppe des Kampfgeschwader 100 (III/KG 100) unter der Führung von Major Bernhard Jope war die erste Einsatzgruppe, die mit Dornier Do 217K-2 und "Fritz-X" ausgestattet wurden. Das KG 100 war seit dem 29. August in Istres bei Marseilles stationiert und hatte den Auftrag im Mittelmeer alliierte Schiffe anzugreifen. Während in den ersten beiden Wochen noch kaum Erfolge erzielt wurden, stieg die Zahl der beschädigten und versenkten Schiffe allmählich steil an. Als Italien am 4. September 1943 die Achsenmächte verließ und mit den Alliierten ein Friedensabkommen abschloss, wusste niemand für welche Seite sich die starke, aber bis dahin völlig falsch eingesetzte italienische Flotte entscheiden würde. Am 9. September landeten die Alliierten bei Salerno und bereits mittags meldeten Aufklärer, dass die italienische Flotte in Richtung Süden unterwegs war. Es hieß, dass sie die Alliierten bei Salerno bekämpfen sollte, aber in Wirklichkeit war sie unterwegs nach Malta.
Der Verband bestand aus dem erst ungefähr ein Jahr alten Flaggschiff der Italiener, dem Schlachtschiff "Roma", dessen Schwesterschiff "Italia", dem Schlachtschiff "Vittorio Veneto", sowie 6 Kreuzern und 8 Zerstörern. Als die 12 Do 217K-2 mit je einer Ruhrstahl X-1 bestückt denn Verband ausmachten, stiegen sie auf 6.500 m und klinkten ihre Gleitbomben aus. Als erstes warf Oberleutnant Heinrich Schmetz, der später das Ritterkreuz erhielt und die Führung der Gruppe übernahm, seine X-1 ab. Sie durchschlug das Deck und detonierte im Inneren der "Roma". Die zweite X-1 durchdrang fünf Minuten später das vordere Panzerdeck der "Roma" und brachte die Munitionskammern zum Explodieren. Die gewaltige Explosion zerriss das Flaggschiff in zwei Teile und es sank innerhalb von 40 Minuten. Circa 1.255 Mann Besatzung, darunter Admiral Bergamini, fanden dabei den Tod. Eine weitere Gleitbombe traf die "Italia", durchschlug den Boden des Schiffes und explodierte. 800 t Wasser drangen durch das Leck in das Schiff ein, aber die Italia konnte sich noch aus eigener Kraft bis nach Malta retten. Weitere nennenswerte Erfolge waren die Versenkung des britischen Kreuzers "HMS Spartan" und des Zerstörers "HMS Janus". Darüberhinaus wurde am 11. September 1943 der 10.000 t Kreuzer "USS Savannah" kampfunfähig gebombt und zwei Tag später die "HMS Uganda" mit 8.500 t schwer beschädigt, genauso wie der amerikanische Kreuzer "USS Philadephia" zu einem späteren Zeitpunkt. Ein weiterer Angriff erfolgte auf die "HMS Warspite", die vor Salerno Unterstützungsfeuer gab. Major Jope selber flog diesen Einsatz und seine X-1 durchschlug mitschiffs sechs Panzerdecks, bevor sie auf dem Boden explodierte. Sie riss ein riesiges Loch in den Rumpf, durch das 5.000 t Wasser eindrangen. Dadurch verlor das Schiff sämtlichen Dampf und damit die Energiezufuhr für alle Systeme und den Antrieb. Die "HMS Warspite" konnte zwar nach Malta abgeschleppt werden, aber die umfangreiche Reparatur setzte das Schiff für zwölf Monate außer Gefecht.



Die zwei untergehenden Teile der "Roma" (links) (Picture by Monash University, Melbourne, Australia with permission of Dr. Russell Naughton)

Bezeichnung des Flugkörpers: Ruhrstahl X-1 (Fritz X)
Typ: Funkgesteuerte Gleitbombe
Hersteller: Ruhrstahl (Rheinmetall-Borsig)
Indienststellung: 1943 bis 1944
Länge: 1.352 cm
Durchmesser: 562 cm
Höchstgeschwindigkeit: ca. 1.000 bis 1.200 km/h
Reichweite: 9 km
Gewicht: 1.570 kg
Gewicht des Sprengkopfs: 320 kg
Steuerung: UKW-Funkfernsteuerung
Produktionszahlen: 1.386

(Picture by Monash University, Melbourne, Australia with permission of Dr. Russell Naughton)


 

Text by Wotan. Letztes Update: 13. May 2008