Hiller UH-12 / H-23 Raven



H-23B der US Army; gut zu erkennen ist die flache Cockpitverglasung (Picture by US Army)

Der UH-12 ist eine der bedeutendsten Hubschrauberkonstruktionen der 50er Jahre in den USA, sowohl in der Zivil-, als auch in der Militärluftfahrt. Zusammen mit seinem ärgsten Konkurrenten, dem Bell Modell 47 (H-13 Sioux), dominierte er den Agrar- und Geschäftsflug und in der Militärfliegerei übernahm er die Evakuierung Verletzter aus Kampfzonen und die Gefechtsfeldbeobachtung. Noch heute fliegen einige Maschinen trotz ihres zerbrechlichem Äußeren zuverlässig.



Entwicklung

Stanley Hiller, der Chefkonstrukteur und Inhaber der Hiller Aircraft Corporation, galt als Wunderkind des US-amerikanischen Hubschrauberbaus. Bereits 1944, im Alter von 18 Jahren, ließ Hiller seinen ersten Hubschrauber zu seinem Jungfernflug starten. Der XH-44 "Hillercopter" war der erste Koaxialhubschrauber der USA, ähnlich den Konstruktionen des OKB Kamow in der UdSSR. Dieser Zweisitzer besaß zwei gegenläufige Zweiblattrotoren, die von einem 150 PS (110,3 kW) Lycoming-Kolbenmotor angetrieben wurden. Die Zelle wurde überraschend klein ausgeführt, auf ein Heckleitwerk verzichtete man ganz. Allerdings stellte sich kein kommerzieller Erfolg ein, was sich mit der Unausgereiftheit des Koaxialrotors und dem damit verbundenen, mangelnden Vertrauen erklären lässt. Nachfolgende Modelle erhielten fast ausschließlich das bewährte Heckrotorprinzip von Sikorsky, der Koaxialrotor wurde aufgegeben.
Im Jahr 1946 folgte eine vielversprechende Neukonstruktion, das zweisitzige Modell 360. Noch im selben Jahr absolvierte der Hiller 360 mit einem 175 PS starken Franklin 6V4-178-B32 Kolbenmotor seinen Erstflug. Dieser Typ besaß sowohl eine voll verkleidete Zelle, als auch einen verkleideten Ausleger. Bekanntheit errang die Konstruktion 1948, als eine Maschine den ersten kommerziellen Transkontinentalflug in den USA absolvierte. 
Als vergrößerte, dreisitzige Version leitete man 1948 den UH-12 vom Hiller 360 ab, bei dem man völlig auf eine Verkleidung der Antriebsteile verzichtete. Zusätzlich erhielt der neue Typ einen leistungsstärkeren Kolbenmotor und eine abgeschrägte Cockpitverglasung. Allerdings ging erst der weiterentwickelte UH-12A mit neuen Rotorblättern und einem neuen Treibstoffführungssystem in die Serienproduktion. Inzwischen interessierten sich auch die US Army und die US Navy für den kleinen Hubschrauber, welcher zur MEDEVAC (Medical Evacuation), Pilotenschulung und zur Kampffeldbeobachtung eingesetzt werden sollte. Die US Army führte ab 1950 den UH-12 als OH-23 Raven und die US Navy als HTE-1 bzw. HTE-2 ein. Im Koreakrieg wurde der H-23 umfangreich in der MEDEVAC-Rolle eingesetzt, wobei er die Verletzten auf Tragen außerhalb der Zelle transportierte. Es folgten in der US Army noch zahlreiche, leistungsgesteigerte Nachfolgermodelle. Bereits 1952 erschien der OH-23B, 1956 der OH-23C, ein Jahr später der OH-23D und schließlich 1960 die beiden Versionen OH-23G und F. Der OH-23G erlebte die frühe Phase des Vietnamkrieges als Aufklärer, wurde allerdings im Laufe des Jahres 1968 durch den OH-6A Cayuse ersetzt. Im Schulungseinsatz erfolgte bereits 1964 die Ablösung, als der Hughes TH-55A Osage (Modell 269) als Standard-Grundschulungs-Hubschrauber der US Army ausgewählt wurde.
Des weiteren kann Hiller zahlreiche Exporte aufweisen, wie beispielsweise nach Kanada (CH-112 Nomad), Israel (UH-12), Großbritannien (HT Mk.1) und in die Schweiz (UH-12B). Es wurden auch zahlreiche zivile Modelle entwickelt, wobei bei späteren Ausführungen auch Turbinen integriert wurden. Ende der 60er Jahre stoppte Hiller die Produktion mangels Nachfrage. Fairchild integrierte Hiller 1964 als Fairchild Hiller Corporation in seinen Konzernverbund. Bereits 1974 wurde die Hiller Aircraft Corporation neu gegründet und man kaufte die Fertigungsrechte für den UH-12 und für sein Nachfolgemuster Fairchild Hiller FH-1100, dem als OH-5A bezeichneten Mitbewerber im LOH-Wettbewerb (Light Observation Helicopter), zurück. Inzwischen bietet diese Firma ein Turbinenumrüstpaket für die Typen UH-12E und E4 an. Die dann als UH12ET3 bzw. ET4 bezeichneten Maschinen verfügen über eine 420 Wellen-PS (308,8 kW) starke, auf 305 Wellen-PS (224,3 kW) gedrosselte, Allison 250-C20B Turbine.



Versionen

Modell Bezeichnung Erklärung Anzahl
UH-12A H-23A Raven Kampffeldbeobachter und MEDEVAC-Maschinen der US Army ?
UH-12A HTE-1 Trainer der US Navy mit dreirädrigem Fahrwerk ?
UH-12B H-23B Raven Trainer und Mehrzweckhubschrauber der US Army mit Kufenlandegestell 453
UH-12B HTE-2 Trainer der US Navy mit vierrädrigen Fahrwerk ?
UH-12C H-23C Raven UH-12B Standard, Einführung der "Goldfischglas" ähnlichen Cockpitform 145
UH-12D OH-23D Raven verbessertes Getriebe und neuer Kolbenmotor 483
UH-12E OH-23G Raven zum Teil Trainer mit Doppelsteuerung der US Army, Aufklärungs- und Beobachtungshubschrauber ca. 470
UH-12E4 OH-23F Raven US Army, für Land- und Flurvermessung; längere Passagierkabine und erstmals v-förmige Höhenstabilisierungsflossen am Heckausleger 22

OH-23G, bei dem die neue, runde Cockpitverglasung zu erkennen ist. (Picture by US Army)

Gestaltung

Der UH-12 bzw. H-23 Raven ist ein typischer Leichthubschrauber seiner Zeit mit unverkleidetem Motorblock und vollverglaster Kabine. Direkt vor dem Motorblock und Rotormast befindet sich das Dreimann- bzw. das Viermanncockpit. Zunächst besaßen die Modelle eine schräge Cockpitscheibe mit zahlreichen Verstrebungen und Einzelplatten. Ab dem Stand UH-12C/H-23C montierte man die "Goldfischglas" ähnliche Cockpitform, die bereits bei einigen Modellen des Bell 47/H-13 Sioux Einzug gehalten hatte. Mit Umstellung auf die Ausführung UH-12E wurde die Kabine um 64 cm verlängert und bot nun für vier Mann Platz. Die Cockpitinstrumentierung beschränkte sich auf die notwendigsten Geräte, gesteuert werden konnte die Maschine entweder vom mittleren oder vom linken Platz aus. Ersteres hatte beim Flug mit nur einer Person den Vorteil, dass auf Gewichte zur Ausbalancierung der Maschine verzichtet werden konnte. Die vorn angeschlagenen Kabinentüren konnten leicht abgenommen werden, meist wurde auch ohne Türen im Einsatz geflogen. Unter dem Kabinenboden und unter dem Antrieb befanden sich die Treibstofftanks; das Kufenlandegestell war außergewöhnlich flach ausgelegt, ermöglichte so allerdings einen bequemen Einstieg. Die US Navy entschied sich jedoch für ein Vierpunktfahrgestell. Allen Modellen gleich sind die Heckauslegerkonstruktion und das Steuersystem. Der röhrenförmige Heckausleger ragt im 30° Winkel nach oben, während die Kardanwelle vom Getriebe schräg zum Ausleger hinführt und nach einer Umlenkung entlang dessen zum Heckrotor verläuft. 
Die zwei Hauptrotorblätter der Versionen UH-12A/B waren noch teilweise aus Holz gefertigt, aber mit der Ausführung UH-12C wurden Ganzmetallrotorblätter eingeführt. Einzigartig ist die Flugsteuerung der Hillermodelle, die "Rotor Matic": Es werden nicht die Rotorblätter zyklisch angesteuert bzw. verstellt, sondern massive Paddel mit asymmetrischen Profil, die an einem Balken im 90° Winkel am Rotorkopf befestigt sind. Diese Anordnung ist nicht mit Arthur Youngs Stabilisierungsbalken am H-13 bzw. UH-1 Huey zu verwechseln. Auf Grund dieser indirekten Steuerung und der erheblichen Blatttiefe von 330 mm erhält der UH-12 recht träge Flugeigenschaften. Heute ist diese Steuerungsmethode im Hubschraubermodellflug sehr üblich. Der Ganzmetallheckrotor liegt auf der rechten Seite, ab der Version UH-12E auf der linken. Zum Schutz vor Bodenkontakten des Heckrotor ragt ein gerader Sporn aus dem Ausleger nach hinten. Auf der gegenüberliegenden Seite des Heckrotors befindet sich eine kleine, waagerechte Stabilisierungsflosse, die ab der Version UH-12E4 durch zwei v-förmig, nach unten gerichtete Höhenstabilisierungsflossen ersetzt wurde. 
Hinter dem Motorblock wurde oftmals die Elektronikausrüstung montiert, die meist nur einfache Funkgeräte umfasste. Zum Krankentransport konnte beidseitig jeweils eine Trage in auf dem Kufengestell montierten "Schneewittchensärgen", einer verglasten, länglichen Kuppelkonstruktion, transportiert werden. Alternativ kann auf den Kufenstreben auch beidseitig jeweils ein Maschinengewehr mitgeführt werden. Üblich war zum einem der XM-1 Rüstsatz mit zwei M37C Maschinengewehren Kaliber .30, zum anderen der M2-Satz mit zwei M60C im Kaliber 7,62 mm. Zur Richtung der Bewaffnung nutze man das simple XM76 Richtvisier.
Der größte Unterschied zwischen den Versionen sind die verwendeten Kolbenmotoren, deren Leistungen kontinuierlich gesteigert wurden. Im UH-12A fand zunächst ein Franklin 6V4-178-B33 Boxermotor mit 175 PS (128,7 kW) Verwendung, der bereits im UH-12B durch den Franklin 6V4-200-C33 Kolbenmotor mit einer Leistung von 210 PS (154,4 kW) ersetzt wurde. Der UH-23D-Stand verfügte erstmalig über einen Lycoming Sechszylinder-Boxermotor: Der VO-435-23C mit einer Leistung von 250PS (183,4 kW), was einen erheblichen Leistungssprung bedeutete. Zudem tauschte man das Getriebe gegen ein verstärktes, um eine höhere Lebensdauer zu erreichen. Ein noch stärkeres Treibwerk erhielt der UH-12E mit dem VO-540-B1, das stolze 320 PS (235,3 kW) leistete. Analog zu den anderen Helikopterproduzenten versuchte Hiller sich im Einbau einer Turbine. In einen zivilen UH-12LE rüstete man 1963 eine PT6-Turbine ein, die US Army zeigte allerdings kein Interesse.



Man beachte die massiven Paddel zur Rotorsteuerung. (Picture by US Army)

Bezeichnung des Helikopters: OH-23G Raven
Typ: leichter Mehrzweckhubschrauber
Hersteller: Hiller Aircraft Corporation
Baujahr: 1946 - ca. 1969
Besatzung: 1 + 3
Antrieb: Lycoming VO-540-B1
Leistung: 320 PS (235,3 kW)
Höchstgeschwindigkeit (VNE): 154 km/h
Marschgeschwindigkeit: 132 km/h
Dienstgipfelhöhe: 4.940 m
Schwebeflug-Gipfelhöhe mit Bodeneffekt: 3.290 m
Kraftstoffvorrat: 142 Liter
Einsatzradius: 360 km
max. Einsatzdauer: 3 h
Leergewicht: 807 kg
maximales Startgewicht: 1.406 kg
Rumpflänge: 8,53 m
Länge über Rotor: 12,40 m
Höhe: 2,98 m
Rumpfbreite: 2,34 m
Hauptrotordurchmesser: 10,80 m
Heckrotordurchmesser: 1,68 m
Bewaffnung: - XM-1 Rüstsatz (zwei M37C Kaliber .30)
- M-2 Rüstsatz (zwei M60C Kaliber 7,62mm)
Produktionszahlen: ca. 470 (OH-23G),
ca. 2200 (Gesamtproduktion)

Dieser OH-23D wurde mit dem XM-1 Rüstsatz versehen. (Picture by US Army)

Die frühe Hubschraubergeneration der US Army: v.l.n.r. UH-1B Iroquois, OH-23B Raven und TH-13T Sioux. (Picture by US Army)


 

Text by british steel; Korrektur: Dirk, UncleK. Letztes Update:  7. September 2007