Blowpipe



Schiessen der Blowpipe Fliegerfaust unter ABC-Schutz.

Geschichte

Mitte der 60er Jahre des 20. Jahrhunderts begann die Shorts Missile Systems Incorporation (Nordirland) mit der Entwicklung einer seinerzeit innovativen Fliegerfaust. Im Vergleich zu anderen, etwa im gleichen Zeitraum entwickelten Fliegerfäusten wie bspw. der US-amerikanischen FIM-43 Redeye, sollte es dem Infanteristen mit der Blowpipe möglich sein, auch anfliegende Flugzeuge zu bekämpfen, statt zu warten bis die Triebwerksauslässe anvisiert werden können. 1968 erkannte das britische Verteidigungsministerium (MoD - Ministry of Defence) den Bedarf einer Fliegerfaust für die Royal Army (RA) und die Royal Marines (RM). Das MoD beteiligte sich daraufhin finanziell an dem Projekt und vergab einen Produktionsauftrag für die erste Fliegerfaust der britischen Streitkräfte. Für die RA und die RM wurden zu beginn 285 Startgeräte beschafft.  Blowpipe-Exportkunden waren u.a. Equador (220 Startgeräte), Kanada (111 Startgeräte), Portugal (57 Startgeräte), Nigeria (rd. 48 Stargeräte), Vereinigten Arabische Emirate (etwa 20 Startgeräte), Malawi (12), Quatar, Argentinien, Chile, Thailand und der Oman. Kampfeinsätze sah die Blowpipe im Falklandkrieg. Einige wenige Exemplare, bedingt durch das problematische Lenksystem, nahmen auf Seiten der Mudschaheddin am Kampf gegen die Rote Armee in Afghanistan in den 80ern Teil.



Technik

Die Blowpipe ist eine schultergestartete, von einem Soldaten zu bedienende, kommandogelenkte Fliegerfaust. Das komplette, rd. 22 kg schwere, System besteht grob gesehen aus zwei Hauptbaugruppen:

 

- einem Einweg-Startrohr mit einem Flugkörper,

- einer optischen Ziel/Steuereinheit und einem daran montierten, aber für den Start eines Flugkörpers nicht notwendigen, IFF- System zur Freund-Feind-Identifizierung.  

 

Das GFK-Startrohr schützt den Flugkörper einerseits vor Beschädigungen andererseits wird der Anwender vor dem Triebwerk der Rakete geschützt. Die Verdickung des Startrohres zur Mündung ergibt sich durch vier, am vorderen Teil des Flugkörpers, kreuzförmig angeordnete Steuerflächen, welche dem Flugkörper einen Teil seiner relativ hohen Beweglichkeit verleihen. Diese Steuerflächen fahren beim Start sofort aus und könnten den Schütze unter Umständen verletzten. An das Startrohr wird die wieder verwendbare Steuereinheit angeklippt. Wurde der Flugkörper aus dem Startrohr verschossen, wird das Steuersystem abgenommen und an das nächste Startrohr geklippt. Der Flugkörper an sich wiegt 11 kg, wovon 2,2 kg auf den Hohlladungsgefechtskopf entfallen. Dieser Gefechtskopf wird durch einen Annäherungszünder der Fa. MSDS gezündet.  Angetrieben wird der Blowpipe-Flugkörper durch ein Crake-Marschtriebwerk, welches ihn auf Mach 1,5 beschleunigt. Um den Blowpipe-Schützen vor Verbrennung durch die heißen Abgase des Haupttriebwerkes zu bewahren, wird der Flugkörper zuerst durch eine Ausstoßladung, welche etwa 0,2 s wirkt, aus dem Startrohr ausgestoßen. Das gleiche System, Ausstoßladung - Haupttriebwerk, wird ebenfalls in allen anderen gängigen Fliegerfäusten, wie bspw. Stinger, Gremlin, Grouse oder auch Starstreak, verwendet.

 

Der Blowpipe-Flugkörper besitzt eine Reichweite zwischen einem halben und dreieinhalb Kilometern und kann Ziele, die sich in einer Höhe von mehr als zehn Metern bzw. weniger als zweieinhalb Kilometern befinden, bekämpfen. Mehr oder weniger Innovativ war seinerzeit das Steuerungs- bzw. Lenksystem der Blowpipe: Der Nachteil der FIM-43 Redeye und der SA-7 "Grail"/9K32 Strela war der ungekühlte Infrarotsuchkopf. Das Problem hierbei war, dass der Flugkörper auf einen heißen Punkt des Flugzeuges abgeschossen werden musste. Diesen "heißen Punkt" stellten die Triebwerksauslässe dar. Dazu war  es aber notwendig, dass das Flugzeug den Schützen überflog, damit dieser auf das oder die Triebwerk(e) zielen konnte. In der Praxis jedoch, würde das Überfliegen eines gegnerischen Fliegerfaustschützen, in der Regel mit dem Abwurf der militärischen Nutzlast des Fluggerätes einhergehen. Bei der Blowpipe wurde dieser Misstand durch eine optische Kommandolenkung behoben. D.h. der  Flugkörper wurde auf das Flugzeug abgeschossen und der Schütze beeinflusste den Flugweg des Fk. Nachdem eine Blowpipe-Rakete das Startrohr verlassen hatte, wurde sie durch ein IR-System am Flugkörper und im Steuersystem automatisch auf der Visierlinie zentriert. Der Schütze steuerte nun mittels eines "Daumenjoysticks" den Fk Richtung Ziel, Kurskorrekturen wurden über Funk an die Blowpipe übertragen, welche sie dann, relativ schnell, ausführte. Bewegte sich das Ziel nicht, nahm der Schütze keine Steuerkorrekturen vor, da der Fk auf das Ziel zuflog. 

 

Dummerweise brachte auch dieses Lenksystem, teils schwerwiegende, Nachteile mit sich: Neben einer langwierigen und kostenintensiven Ausbildung, war die Blowpipe keine Fire-and-Forget Waffe. Der Schütze musste das Ziel so lange anvisieren und die Blowpipe ggf. lenken, bis der Fk sein Ziel erreicht hatte. Bei einer Zielentfernung von 3,5 km bräuchte der Fk allein etwa 2,4 Sekunden bis zum Ziel (bei der halben Entfernung immer noch 1,3 Sekunden), dazu kommt noch die Zeit, die ein Schütze braucht um das, sich sehr wahrscheinlich bewegende, Ziel anzuvisieren und die IFF-Abfrage abzuwarten. Das heißt, der Schütze hätte sich auf einem möglichen Schlachtfeld über längeren Zeitraum extrem exponieren müssen, was einem Suizid gleichkäme.  Am Steuerungssystem befindet sich ein, etwa 900 g schweres, IFF-Abfrage-Gerät. Diese Freund-Feind-Abfrage (IFF - IdentificationFriend-Foe) dient dazu feindliche von eigenen Luftfahrzeugen zu unterscheiden. Wenn der Blowpipe-Schütze ein Ziel optisch aufgefasst hat und den Feuerknopf betätigt, identifiziert die IFF, wenn montiert, zuerst das Ziel, bevor der Flugkörper - sofern das Ziel als gegnerisches erkannt wurde - gestartet wird. Lenksystem und IFF-Abfragesystem sind wieder verwendbar. Wenn ein Flugkörper verschossen worden ist, wird das Steuersystem, an dem das IFF befestigt ist, demontiert und an ein neues Startrohr mit Fk befestigt. Neben der Option des beweglichen Blowpipe-Schützen, kann das System auch auf Fahrzeuge und auf Dreibeingestelle montiert und von diesen eingesetzt werden. Durch das MCLOS-Lenksystem und Gefechtskopf, konnten mit Blowpipe neben Luftfahrzeugen, auch ungepanzerte Fahrzeuge und Schiffe bekämpft werden.



Varianten und Versionen

SLAM

Da sich U-Boote einer Bedrohung durch ASW-Hubschrauber und -Flugzeuge gegenübersahen, wurde Anfang der 70er wurde von der Vickers Shipbuilding Group das Submarine Launched Air(flight) Missile System entwickelt. Hierbei wurde der Blowpipe-Flugkörper im Startbehälter unverändert übernommen, jedoch wurde ein Startgerät für den Einsatz von U-Booten aus um ihn herumgebaut. Im November 1972 waren die Tests erfolgreich, für dieses System an Bord der HMS Aneas vollendet. Der SLAM-System bestand aus einem wasserdichten GFK-Zylinder, in welchem der sechsfach-Blowpipe-Starter für die Unterwasserfahrt geschützt versenkt wurde. Wenn das U-Boot auftauchte, musste zum feuern der Deckel, des im Turm des U-Bootes untergebrachten, GFK-Druckbehälters (max. Druckbelastung 7.000 kg/m²) weggeklappt und der Starter hydraulisch ausgefahren werden. Der Abschuss und die Lenkung der Flugkörper geschah von Bord des U-Bootes: Der Schütze hätte das Ziel über das Periskop, mit welchem das Blowpipe-Startgerät (das Startgerät schwenkte mit dem Periskop in Schussrichtung) verbunden war, ausgewählt und über einen Fernsehschirm verfolgt. Hätte man einen Fk abgeschossen, wäre die Verbindung zwischen Startgerät und Suchperiskop getrennt worden und die der Fk wäre mittels des "Daumenjoystick", des an Bord untergebrachten Steuersystems, gelenkt worden, während man das Ziel auf dem Bildschirm verfolgt hätte. Wie Blowpipe, wäre auch SLAM nicht nur gegen Luftfahrzeuge einsetzbar gewesen, Schiffe, insbesondere wohl kleinere Patrouillenboote oder unzureichend bewaffnete Aufklärungsschiffe, hätten ebenso angegriffen werden können. SLAM ist bis zu einem Seegang um Stärke 4 und einem Temperaturbereich von 0°C bis 55°C einsatzfähig gewesen. Neben dem Erprobungsschiff, der HMS Aneas, war der einzige bekannten Nutzer des System die Israelische Marine, welche damit ihre drei, mittlerweile außer Dienst gestellten, U-Boote der französischen Agosta-Klasse ausgerüstet hatte.

 

Javelin

Javelin ist eine verbesserte Version der Blowpipe. Die Verbesserungen umfassen:

 

  • einen neuen, zweistufigen Feststoffantrieb (Mach 1,8),
  • ein SACLOS-Lenksystem,
  • einen größeren Gefechtskopf (2,75 kg) mit einem
  • modifiziertes Zündsystem (Entschärfung der Waffe, auch nach dem Start möglich) und 
  • vergrößerte Reichweite (max. 4,5 km; Mindestreichweite 300 m) sowie einer
  • verbesserten Bekämpfungshöhe (max. 3 km; Mindesthöhe 10m)

 

Das Javelin-System wurde 1984 als Ersatz für die Blowpipe offiziell eingeführt. Javelin seinerseits wird seit 1991 bzw. seit 1997 durch die Starburst- bzw. durch die Starstreak-HVM (High Velocity Missile)-Fliegerfaust ersetzt.



Ausgefahrener SLAM-Starter am Turm der HMS Aneas. (Picture by www.sistemasdearmas.hpg.ig.com.br)

Bezeichnung des Flugkörpers: Blowpipe
Typ: soldat- oder seegestützte Flugabwehrrakete
Hersteller: Shorts Missile Systems Inc., Nordirland/Großbritannien
Indienststellung: 1968
Antrieb: Ausstoßladung (0,2 s) und Marschtriebwerk
Höchstgeschwindigkeit: 1.626 km/h (1,5 Mach)
Kraftstoffvorrat: ?
Reichweite: 3,5 km
Gewicht: Flugkörper: 11 kg
Startsystem: 21,3 kg
Länge: 1,35 m
Durchmesser: 76 mm
Spannweite: 274 mm
Gewicht des Sprengkopfs: 2,2 kg HEAT
Zielsuchsystem: optisch gelenkt
Zünder: Näherungszünder
Produktionszahlen: mehr als 500 Startgeräte
Stückpreis: ?

Die Javelin-Fliegerfaust. Nachfolger des Blowpipes-System. (Picture by www.army.mod.uk)


Weiterführende Literatur/Homepages

Raketen & Lenkwaffen, Bill Gunston, Buch & Zeit Verlag, 1979



 

Text by Father Christmas. Letztes Update:  4. September 2007