Tarantul

FK-Korvetten


Tarantul-I in der Ausführung der Volksmarine der ehemaligen DDR (Picture by www.richardstokowski.de)

Die Flugkörperkorvetten des Typs "Tarantul" sind vorgesehen für den Überwasserkampf in Küstennähe und im erweiterten Küstenvorfeld. Zur Durchsetzung ihrer Einsatzvorgaben sind diese schnellen Einheiten mit schweren Seeziel-Flugkörpern, Geschützen sowie Flugabwehr-FK für den Eigenschutz ausgerüstet. Von den russischen Seestreitkräften werden sie als kleine Raketenschiffe (Malyy Raketnyy Korabl, MRK) bezeichnet. Die alternative Klassifizierung als Flugkörperschnellboote (Raketnyy Kater, RK) erscheint aufgrund ihrer hohen Wasserverdrängung verwunderlich.
Anfang der 70er-Jahre entworfen, durchliefen sie eine stetige Weiterentwicklung, so dass auch durch die große Verbreitung in den Satellitenstaaten des Warschauer Paktes und diesem nahestehenden Marinen eine große Zahl von unterschiedlichen Versionen entstand. Dieses Datenblatt befasst sich mit den wichtigsten Untertypen Tarantul-I, Tarantul-II sowie Tarantul-III, die auch gegenwärtig noch in der russischen Marine eingesetzt werden. Die russischen Bezeichnungen lauten wie folgt: Tarantul-I (Projekt 1241.1), Tarantul-II (Projekt 1241M), Tarantul-II Mod (Projekt 12417), Tarantul-III (Projekt 1241.1MP). Dabei ist zu erwähnen, dass der Typ Tarantul-I zunächst nur für den Export vorgesehen war, jedoch eine einzelne Einheit zu Ausbildungszwecken in die russische Marine bzw. ihre Vorgängerorgane übernommen wurde. Inzwischen existiert eine Einheit der designierten Nachfolgeklasse, dem Projekt "Molnija" (Projekt 12421). Dabei handelt es sich um eine besonders in Bereich der Elektronik und Führungsmittel verbesserte und leicht vergrößerte Version der Tarantul-III, die inoffiziell durchaus als Tarantul-IV bezeichnet werden kann. Da von der russischen Marine alle Versionen der Tarantul als "Molnija" bezeichnet werden, wird Projekt 12421 im Folgenden als "Tarantul-IV" geführt.
Eine weitere Abart stellt das nur für den Export vorgesehene Projekt 12418 dar. Der Hauptunterschied zu Tarantul-IV besteht in Anzahl und Typ der mitgeführten Seezielflugkörper sowie assoziierter Systeme. In diesem Datenblatt wird Projekt 12418 in Fortsetzung der NATO-Standardnomenklatur als "Tarantul-IV Mod." geführt.



Einheiten

Aufgrund der weltweit sehr großen Anzahl von FK-Korvetten Tarantul stellt die folgende Liste mit großer Wahrscheinlichkeit keine vollständige Aufzählung dar. Stand ist Mitte 2003.



  Tarantul-I Tarantul-II Tarantul-III Tarantul-IV
Bulgarien - 1 - -
Indien 12 - - 2 (IV Mod.)
Jemen 2 (nicht einsatzfähig) - - -
Polen 4 - - -
Rumänien 3 - - -
Russland 1 6 (II) + 1 (II Mod.) 31 1
Ukraine - 1 (2?) 1 -

Wie aus der Tabelle ersichtlich, verfügen nur die russischen Seestreitkräfte über Einheiten aller vier Tarantul-Klassen. Im Rahmen der Verbreitung sowjetrussischer Militärtechnologie in Form von lokal nur leicht veränderten Standard-Konstruktionen wurden wesentlich mehr FK-Korvetten Tarantul-I in Staaten des Warschauer Paktes exportiert, als heute noch vorhanden bzw. einsatzbereit sind. Dies liegt zunächst darin begründet, dass diese mittlerweile durch modernere Entwürfe abgelöst wurden, jedoch auch in der Tatsache, dass viele, insbesondere kleinere Marinen nach dem Zerfall der UdSSR nicht mehr in der Lage waren, ihre seegehenden Einheiten adäquat zu warten bzw. zu versorgen oder den zur Einsatzfähigkeit notwendigen Ausbildungsstand der Besatzungen zu erhalten. Aus diesem Grund ist ein Großteil der zwischen den 60er und 80er Jahren exportieren Einheiten entweder dem Schneidbrenner zum Opfer gefallen, oder liegt nicht mehr einsatzbereit in einem Marinestützpunkt.
Eine Ausnahme stellen auch hier die indischen Seestreitkräfte dar, die noch zwischen 1987 und 2002 13 Korvetten des Typs Tarantul-I in Dienst stellten, welche mittlerweile durch zwei Einheiten vom Typ Tarantul-IV Mod ergänzt wurden. Inzwischen ist jedoch auch hier begonnen worden, die ältesten Tarantul-I wieder außer Dienst zu stellen.

USNS Hiddensee

Eine sehr interessante Episode ist die wechselhafte Geschichte der einzigen Tarantul-Korvette, die je in aktiven Diensten einer westlichen Marine stand. Diese Einheit vom Typ Tarantul-I wurde Mitte der 80er-Jahre in der Volodidarskiy-Werft in Rybinsk (Leningrad) als eins von fünf "mittleren Raketenschiffen" für die Volksmarine der DDR gebaut und als "Rudolf Egelhoffer" in Dienst gestellt. Nach der Wiedervereinigung Deutschlands wurde sie 1990 als einzige der fünf Einheiten in "Hiddensee" umbenannt und mit der Kennung P6166 in die Deutsche Marine übernommen.
Im November 1991 wurde sie an die US Navy abgegeben und im Frühjahr 1992 mit einem Schwerlast-Dockschiff über den Atlantik transportiert und am 14. Februar 1992 offiziell in den Dienst der USN übernommen. Sie erhielt weder eine "echte" Hullnumber noch einen neuen Namen, sondern war nur unter der Kennung 185NS9201 als USNS Hiddensee geführt. Zusammen mit der "Hiddensee" wurden auch mehr als 170 Seeziel-Flugkörper vom Typ SS-N-2C STYX abgegeben. 
Von 1992 bis 1996 wurde die "Hiddensee" vom Naval Air Warfare Center (NAWC) in Solomons Annex, Maryland betrieben und in der Chesapeake-Bucht eingesetzt. Obwohl als Feindzieldarstellungseinheit vorgesehen wurde die Korvette selten in dieser Rolle eingesetzt. Aufgrund fehlender Geldmittel wurde die "Hiddensee" daraufhin im September 1993 aufgelegt, allerdings zu Testzwecken schon 1994 wieder für einen kurzen Zeitraum aktiviert. Am 18. April 1996 wurde die einzige Tarantul in einer westlichen Marine endgültig außer Dienst gestellt und nach einer kurzen Zeit als Auflieger ist "Hiddensee" heute als Museumsschiff in Battleship Cove, Fall River, Massachusetts ausgestellt.



Russische Korvette "R422" (Typ Tarantul-III) in schneller Fahrt, aufgenommen bei einem Besuch amerikanischer Marineeinheiten in Vladivostok im September 1990 (Picture by US Navy)

Technik

Die Korvetten der Tarantul-Klassen sind herkömmliche Stahlschiffe in Knickspantenbauweise, und können durchaus als "typisch russische" Konstruktionen bezeichnet werden. Auf einem relativ breiten Rumpf mit sieben Abteilungen, der auch für die U-Jagdkorvetten Pauk I/II verwendet wurde, befindet sich ein einzelner, schmaler Aufbautenkomplex, welcher teilweise aus Leichtmetall besteht. Zu beiden Seiten der Aufbauten sitzen je zwei übereinander angeordnete Startrohre für SS-N-2 bzw. SS-N-22, auf dem langen und freien Vorschiff vor den Aufbauten befindet sich nur das 76 mm-Geschütz. Die AK-630 sind nebeneinander auf einem flacheren und breiteren Teil der Aufbauten eingebaut und nach hinten gerichtet. Das Startgestell für SA-N-8 ist hinter den Aufbauten auf dem Achterschiff aufgestellt, bei Tarantul-III in einem "Korb" hinter dem Mast.
Tarantul-I, II und III unterscheiden sich voneinander nur durch vergleichsweise geringfügige Abweichungen hauptsächlich in der Form der Aufbauten, der Masten und aufgestellten Antennen. So wurde das auf der Mastspitze montierte Oberflächensuchradar der Tarantul-I ab Tarantul-II durch ein markantes, voluminöses Radom oberhalb der Brücke ersetzt. Die größten Unterschiede bestehen bei Tarantul-III, so fehlt hier die "Stufe" der Aufbauten an der Vorderseite der Brücke, der kleine "Schornstein" der Gasturbinen wurde leicht nach achtern versetzt. Des Weiteren wurde ein komplett neuer Hauptmast entworfen.
Bei Tarantul-IV wurde auf das charakteristische Radom verzichtet, die Radaranlage Plank Shave befindet sich jedoch weiterhin oberhalb der Brücke, kurz dahinter ein Gittermast mit kugelförmigem Schutzgehäuse auf der Mastspitze, welches das Radar "Pozitiv-E" beherbergt.
Tarantul-IV Mod. verfügt an Stelle der beiden Doppelstartkanister über vier Vierfachstartkanister für Seeziel-Flugkörper SS-N-25 SWITCHBLADE, von denen jeweils zwei hintereinander zu beiden Seiten der Aufbauten aufgestellt sind. Sie ähneln im Aussehen den weit verbreiteten Mk.141 für Seezielflugkörper "Harpoon". Der einzige Nutzer dieser Version sind die indischen Seestreitkräfte, deren zwei Einheiten anstatt des Hauptgeschützes AK-176M über eine OTO Melara/SR gleichen Kalibers verfügen. Hier wurde auch das veraltete Geschütz-Feuerleitsystem BASS TILT durch ein BEL Lynx ersetzt.

Antrieb

Sowohl Tarantul-I als auch -II werden von insgesamt vier Gasturbinen in einer COGAG-Anordnung (COmbined Gas And Gas) angetrieben. Es handelt sich hier um zwei Gefechtsturbinen Typ DR-77 mit einer Leistung von je 7.825 kW und zwei Marschturbinen Typ DM-76 mit einer Leistung von je 2.940 kW, die über ein Kreuzgetriebe auf zwei Wellen wirken. Insgesamt sind vier Getriebeschaltungen möglich, welche im Sprachgebrauch der DDR-Volksmarine als "Regime" bezeichnet wurden:


- Regime 1 (alle vier Gasturbinen auf zwei Wellen wirkend)
- Regime 2 (beide Gefechtsturbinen auf zwei Wellen wirkend)
- Regime 3 (beide Marschturbinen auf zwei Wellen wirkend)
- Regime 4 (eine Marschturbine über Querwelle auf zwei Wellen wirkend)


Im Regime 4 sind sehr geringe Geschwindigkeiten von zwei bis vier Knoten möglich, jedoch ist die Manövrierfähigkeit stark eingeschränkt.
Für den Vortrieb sorgen zwei fünfblättrige Superkavitationspropeller, die auf zwei konventionelle Ruder wirken. Die E-Anlage besteht aus drei Generatoren und hat eine Gesamtleistung von 50 kW.
Mit der Einführung des Typs Tarantul-III wurden aus ökonomischen Gründen beide Marsch-Gasturbinen durch zwei wesentlich stärkere Dieselmotoren mit einer Leistung von je 3.675 kW ersetzt. Hierdurch konnte der Treibstoffverbrauch verringert und die Zuverlässigkeit der Antriebsanlage verbessert werden. Die Antriebsanlage wird nun als COGAD (COmbined Gas And Diesel) bezeichnet.
Zusammenfassend werden in Tarantul-I bis -III kombinierte Antriebsanlagen genutzt, der neue Typ Tarantul-IV wird hingegen von einer einfachen Gasturbinenanlage angetrieben. Große Fortschritte auf dem Gebiet der Motorentechnik ermöglichten es, auf dieses bewährte Konzept zu verzichten und für den Vortrieb nur noch zwei, wenn auch stärkere, Gasturbinen zu nutzen. Von Vorteil ist die hierdurch stark verringerte Komplexität der Antriebs- und Getriebeanlage.



Hauptgeschütz AK-176M an Bord von USNS Hiddensee. Ebenfalls gut zu erkennen: das Feuerleitgerät BASS TILT oberhalb der Brücke sowie die FK-Startrohre 1 und 3 auf der Steuerbordseite. Etwas abgeschnitten das Radargerät MR-331 SQUARE TIE auf der Mastspitze. Aufgenommen im August 1993 im Naval Sea Systems Command (NSSC) in Solomons Annex, Maryland. (Picture by US Navy)

Bewaffnung

Bordwaffen



Tarantul-I
(Projekt 1241.1)
Tarantul-II
(Projekt 1241M)
Tarantul-II Mod.
(Projekt 12417)
4x SS-N-2C/D STYX 4x SS-N-2C/D STYX 4x SS-N-2C/D STYX
SA-N-8 GREMLIN
(Vierfach-Startgestell, 12 FK)
SA-N-8 GREMLIN
(Vierfach-Startgestell, 12 FK)
SA-N-8 GREMLIN
(Vierfach-Startgestell, 12 FK)
1x 76 mm AK-176M
2x 30 mm Gatling AK-630M
1x 76 mm AK-176M
2x 30 mm Gatling AK-630M
1x 76 mm AK-176M
1x 3M87 "Kashtan"
2x PK16 (je 16 Rohre) 2x PK16 (je 16 Rohre) 2x PK16 (je 16 Rohre)

Tarantul-III
(Projekt 1241.1MP)
Tarantul-IV
(Projekt 21421)
Tarantul-IV Mod.
(Projekt 12418)
4x SS-N-22 SUNBURN 4x SS-N-22 SUNBURN 16x SS-N-25 SWITCHBLADE
SA-N-8 GREMLIN
(Vierfach-Startgestell, 12 FK)
SA-N-8 GREMLIN
(Vierfach-Startgestell, 12 FK)
SA-N-8 GREMLIN
(Vierfach-Startgestell, 12 FK)
1x 76 mm AK-176M
2x 30 mm AK-630M
1x 76 mm AK-176M
2x 30 mm AK-630M
1x 76 mm AK-176M
2x 30 mm AK-630M
4x PK10 (je 10 Rohre) 4x PK10 (je 10 Rohre) 4x PK10 (je 10 Rohre)

 Seeziel-Flugkörper 4K51 "Rubezsh" (SS-N-2C/D STYX)

Sowohl Tarantul-I als auch -II und -II Mod verfügen als Hauptbewaffnung über dieses Waffensystem. Der Flugkörper selbst ist 6,6 m lang, hat einen Durchmesser von 75 cm und wiegt knapp 2,5 t. Ein Raketenmotor mit Flüssigtreibstoff verleiht ihm eine Höchstgeschwindigkeit von Mach 0,9 und eine Reichweite von 45 Seemeilen. Die Lenkung erfolgt durch ein aktives Radarsystem. Ein nach dem Start abgeworfenes Starttriebwerk (Booster) beschleunigt den Flugkörper nach dem Verlassen des Start- und Transportcontainers zusätzlich, gleichzeitig werden zwei platzsparend abgeklappte Stummelflügel entfaltet.
Der SS-N-2 gehört zur ersten Generation moderner Seezielflugkörper, ist heute jedoch trotz zahlreicher Verbesserungen veraltet. Die Versenkung des israelischen Zerstörers "Eilat" im Jahre 1967 durch einen syrischen Flugkörper diesen Typs markierte den Beginn einer wesentlichen Epoche der Seekriegführung der Neuzeit.

Seeziel-Flugkörper 3M80-E "Moskit" (SS-N-22 SUNBURN)
Dieses schwere Flugkörpersystem ersetzte den SS-N-2 STYX auf Tarantul-III und -IV. Die knapp vier Tonnen schwere und 9,40 m lange Waffe hat einen Durchmesser von 80 cm. Die Reichweite beträgt etwa 65 Seemeilen, wobei einige Quellen für verbesserte Versionen Reichweiten von bis zu 130 Seemeilen angeben. Ein RAMJet-Triebwerk beschleunigt den Flugkörper auf Geschwindigkeiten zwischen Mach 2 und 3. Der Gefechtskopf wiegt 320 kg.

 

 Seeziel-Flugkörper 3M24E "Uran" (SS-N-25 SWITCHBLADE)

Dieses Waffensystem trägt aufgrund der umfangreichen Ähnlichkeit zum amerikanischen Seeziel-Flugkörper RGM-84 "Harpoon" den Spitznamen "Harpoonskij". Der Flugkörper ist 4,5 m lang, hat einen Durchmesser von 42 cm und wiegt etwa 639 kg. Ein Turbojet-Triebwerk beschleunigt die Waffe auf Mach 0,9 und verleiht ihr eine Reichweite von 70 Seemeilen. Der Gefechtskopf wiegt 145 kg, die Lenkung erfolgt durch eine Trägheitsnavigationsanlage und einen aktiven Radarsuchkopf.

Flugabwehrrakete 9K34 "Strela-3" (NATO: SA-N-8 GREMLIN)
Dieses Waffensystem dient zur Selbstverteidigung gegen Luftziele im Bereich bis drei Seemeilen. Es handelt sich hier um eine maritime Variante der schultergestützten Flugabwehrrakete SA-14, die sich besonders durch eine verbesserte Widerstandfähigkeit gegen Salzwasser und höhere Umgebungsfeuchte von der Heeresversion unterscheidet. Der Flugkörper "Strela-3" ist 1,4 m lang, hat einen Durchmesser von 7,5 cm und erzielt mit einem zweistufigen Feststoffraketentriebwerk eine Geschwindigkeit von Mach 1,5 und eine Reichweite von knapp über drei Seemeilen. Die Lenkung erfolgt ähnlich wie beim westlichen Gegenstück FIM-92 "Stinger" über einen Infrarotsuchkopf. Die handbediente Startvorrichtung FASTA-4 kann bis zu vier Flugkörper aufnehmen. Inzwischen sind alle FK-Korvetten Tarantul von der zuvor verwendeten SA-N-5 GRAIL auf dieses Waffensystem umgerüstet worden.

 

 Geschütz 76 mm AK-176M

Zur Bekämpfung von See-, Luft- und Landzielen bis zu einer Entfernung von knapp neun Seemeilen verfügen die FK-Korvetten Tarantul über ein Hauptgeschütz AK-176M im Kaliber 76 mm. Dieses Waffensystem wurde 1977 eingeführt und wiegt einschließlich Magazin und Munitionsförderanlage 17 t. Verschossen werden 5,9 kg schwere Granaten mit einer Mündungsgeschwindigkeit von 980 m/s. Das um die Hochachse rotierende Magazin unterhalb des Geschützturmes fasst 220 Schuss.

 

 Nahbereichs-Abwehrgeschütz AK-630M

Das Schnellfeuergeschütz AK-630M dient zur Bekämpfung von See-, Luft- und Landzielen einschließlich anfliegender Seeziel-Flugkörper im Nahbereich. Die sechsläufige Gatlingkanone GSh-30-6 hat eine Feuergeschwindigkeit von 5.000 Schuss pro Minute, bei einer Maximalreichweite von 2,7 Seemeilen. Insgesamt stehen 2.500 Schuss Munition zur Verfügung, die aufgrund der Doppel-Anordnung zweier AK-630M von beiden Geschützen genutzt werden. Die Geschützsteuerung erfolgt manuell oder über das Feuerleitgerät BASS TILT, das Waffensystem wiegt sieben Tonnen.

 

 Nahbereichs-Abwehrkomplex 3M87 "Kashtan"

Zu Testzwecken wurden auf der Tarantul-II-Korvette "R-71" die beiden AK-630 durch einen einzelnen CIWS-Komplex 3M87 "Kashtan" (NATO-Bezeichnung CADS-N-1) ersetzt. Kashtan ist ein hybrides Punktverteidigungssystem, welches zwei sechsläufige 30 mm Kanonen GSh-6-30K, bis zu acht Flugabwehrraketen 9M311 "Kortik" (NATO: SA-N-11 GRISON) und zwei Radargeräte in einem Geschütz zusammenfasst. Es ist auf vielen größeren Einheiten der russischen Seestreitkräfte zu finden. Hauptaufgabe ist die Abwehr von anfliegenden Seeziel-Flugkörpern, es können jedoch auch andere Luft- und kleinere Seeziele bekämpft werden.
Die Bekämpfung eines Zieles wird in zwei Phasen unterteilt. Zunächst wird das Ziel im Entfernungsbereich zwischen 0,8 und 3,2 Seemeilen mit Flugkörpern bekämpft, die maximale Reichweite der SA-N-11 beträgt 4,3 Seemeilen. Hat dies keinen Erfolg, so feuern beide Kanonen mit einer kombinierten Feuergeschwindigkeit von 10.000 bis 12.000 Schuss pro Minute in kurzen Feuerstössen. Die effektive Bekämpfungsreichweite beträgt hier 300 bis 1.500 Meter. Die Munitionszuführung erfolgt direkt aus einer gemeinsamen Kassette mit einer Kapazität von 500 Schuss, der Nachladevorgang erfolgt ausschließlich per Hand. Zwar sind durch die Wasserkühlung der Läufe Feuerstösse von bis zu 400 Schuss möglich, doch reicht der Munitionsvorrat nur für 2,5 bis 3 Sekunden. 
Nach dem Umbau erhielt "R-71" von der NATO die neue Bezeichnung Tarantul-II Mod. Tarantul-IV hingegen verfügt wieder über zwei AK-630M.

 

 Täuschkörperwurfanlagen PK10 und PK16

Die Täuschkörperwurfanlagen PK10 sowie PK16 verschießen Kombinationsmunition im Kaliber 82 mm für die Erzeugung von Radar- und Infrarotscheinzielen. Hauptunterschied ist die Munitionskapazität, im Falle der PK10 zehn, bei der PK16 sechzehn Täuschkörper. Das Nachladen des Werfers erfolgt per Hand. Im Automatikmodus kann entweder alle 20 bis 100 Sekunden ein einzelner Schuss oder ein Feuerstoss von ein bis zwei Projektilen pro Sekunde abgegeben werden. Einzelfeuer ist bei manueller Bedienung möglich. Die Täuschkörper wirken im Bereich zwischen 200 und 1.800 m.



Ein Flugkörper SS-N-2C STYX wird an Bord von USNS Hiddensee aus Rohr 4 entladen. Dieses Bild wurde 1993 im Naval Sea Systems Command (NSSC) in Solomons Annex, Maryland aufgenommen. (Picture by US Navy)

Sensoren und EloKa



Bezeichnung: NATO-Codename: Aufgabe: Bemerkungen:
MR-331 "Rangout" SQUARE TIE Seeraumüberwachungsradar
Feuerleitung Seeziel-FK
Tarantul-I
"Mineral" BAND STAND Seeraumüberwachungsradar
Feuerleitung Seeziel-FK
Tarantul-II/-II Mod./-III
"Garpun-Bal-E" PLANK SHAVE Seeraumüberwachungsradar
Feuerleitung Seeziel-FK
Tarantul-IV, tlw. -III
MR-352 "Pozitiv-E" CROSS DOME Luftraumüberwachungsradar
Feuerleitung Geschütze gg. Luftziele
-
TSR-333 "Krivach-II" SPIN THROUGH Navigationsradar -
? HOT FLASH Feuerleitung Kashtan Tarantul-II Mod.
MR-123 "Vympel" BASS TILT Geschütz-Feuerleitgerät Exportbezeichnung "Koral-E"
"Kolonka" HOOD WINK Optische Richtsäule handbedient
? FOOT BALL Elektronische Kampfführung (EloGM, EloUM) -
"Nikhel-K" HALF HAT Elektronische Kampfführung (EloGM, EloUM) -
"Nikhrom" HIGH POLE-B Elektronische Kampfführung (EloGM, EloUM) -
? SALT POT Freund-Feind-Erkennung (IFF) -
? SQUARE HEAD Freund-Feind-Erkennung (IFF) vereinzelt

Die FK-Korvetten Tarantul verfügen über ein Seeraumüberwachungsradar großer Reichweite, welches auch die Zielzuweisung und Feuerleitung für die Seeziel-Flugkörper übernimmt. Auf Tarantul-I wurde hierfür ein Radargerät MR-331 "Rangout" (NATO: SQUARE TIE) mit 40 Seemeilen Reichweite genutzt. Auf Tarantul-II und III wurde dieses durch ein Radar "Mineral" (NATO: BAND STAND) ersetzt. Der neue Korvettentyp Tarantul-IV verfügt hier statt dessen über das wesentlich modernere Radargerät "Garpun-Bal-E" (NATO: PLANK SHAVE), welches teilweise auch in Tarantul-III eingerüstet ist. Alle drei Geräte arbeiten im I-Band. Ein Navigationsradar "Krivach-II" (NATO: SPIN THROUGH) steht für die Erfassung von Überwasserzielen und niedrig fliegenden Luftzielen im Nahbereich zur Verfügung. Das Geschütz-Feuerleitsystem für die 76 mm-Kanone sowie die beiden AK-630 ist ein MR-123 "Vympel" (Export: "Koral-E", NATO: BASS TILT). Die Korvette "R71" (Tarantul-II Mod.) verfügt zusätzlich über das für die Feuerleitung des CADS-N-1/Kashtan-Komplexes zuständige Radar HOT FLASH im Masttopp. Auf Tarantul-IV wird zur Verbesserung der Feuerleitung ein Radargerät MR-352 "Pozitiv-E" (NATO: CROSS DOME) eingesetzt, welches im E/F-Band arbeitet und Luftziele im Bereich bis 70 Seemeilen erfassen, verfolgen und beleuchten kann. Auf allen Typen ist eine handbediente optische Richtsäule "Kolonka" (NATO: HOOD WINK) zur optischen Feuerleitung der Geschütze in einem Korb hinter dem Hauptmast zu finden. Für die Freund/Feind-Erkennung stehen IFF-Systeme SALT POT sowie SQUARE HEAD zur Verfügung.



Beurteilung

Die FK-Korvetten Tarantul haben für ihre Abmessungen eine relativ hohe Wasserverdrängung, die Bewaffnung ist jedoch grob mit der von Flugkörperschnellbooten westlicher Staaten zu vergleichen. Sie verfügen dabei nicht über die Schlagkraft der nur unwesentlich größeren FK-Korvetten "Nanuchka". Die Konstruktion verfügt nur über geringe Einsatzausdauer (zehn Seetage) und steht schlecht in See. Vergleichweise geringer Tiefgang bei gleichzeitig hoher Windanfälligkeit des Schiffskörpers führt zu Problemen in engen Fahrwassern. Die konzeptionelle Auslegung wurde von den Bedingungen des Kalten Krieges bestimmt und ist daher überholt, die Führungsmittel sind veraltet. Der vorgesehene Einsatz in Küstennähe unter dem Schutz landgestützter Kampfflugzeuge bzw. die Zusammenfassung in Kampfgruppen führte zu konzeptionell nur minimalem Eigenschutz gegen Luftziele. Hohe Wirksamkeit der Seeziel-Flugkörper SS-N-22 auf Tarantul-III und IV, leichte Maßnahmen zur Signaturreduzierung auf diesen Typen. Tarantul-IV Mod. mit sehr starker Flugkörperbewaffnung.



Korvette INS "Pralaya" (K91, Typ Tarantul-IV Mod) der indischen Marine. (Image © Bharat Rakshak, www.bharat-rakshak.com )

Schiffsklasse: Tarantul-I Tarantul-II Tarantul-III Tarantul-IV
Typ: Flugkörperkorvette Flugkörperkorvette Flugkörperkorvette Flugkörperkorvette
Hersteller: Primorskij S.Z., Leningrad Srednij Neva, Leningrad
Werft 876, Chabarowsk
Srednij Neva, Leningrad
Werft 876, Chabarowsk
Almaz, St. Petersburg
Indienststellung: 1977 - 1979 1981 - 1987 1985 - 2000 1999
Länge: 56,1 m 56,1 m 56,1 m 59,9 m
Breite: 10,2 m 10,2 m 10,2 m 13,0 m
Tiefgang: 2,5 m 2,5 m 2,5 m 2,65 m
Verdrängung: 430 ts (max. 450 ts) 430 ts (max. 450 ts) 436 ts (max. 493 ts) 550 ts
Antrieb: COGAG
2 Gasturbinen
+ 2 Gasturbinen
COGAG
2 Gasturbinen
+ 2 Gasturbinen
COGAD
2 Gasturbinen
+ 2 Diesel
2 Gasturbinen
Antriebsleistung: 17.650 kW
+ 5.880 kW
2 Schrauben
17.650 kW
+ 5.880 kW
2 Schrauben
17.650 kW
+ 7.350 kW
2 Schrauben
23.530 kW
2 Schrauben
Höchstgeschwindigkeit: 35 kn 35 kn 41 kn 37 kn
Fahrbereich: 1.400 sm bei 14 kn 1.400 sm bei 14 kn 1.600 sm bei 12 kn 1.600 sm bei 12 kn
Flugkörperbewaffnung: 4x SS-N-2
12x SA-N-8
4x SS-N-2
12x SA-N-8
4x SS-N-22
12x SA-N-8
4x SS-N-22
12x SA-N-8
Rohrwaffen: 1x 76 mm AK-176M
2x 30 mm AK-630M
1x 76 mm AK-176M
2x 30 mm AK-630M
1x 76 mm AK-176M
2x 30 mm AK-630M
1x 76 mm AK-176M
2x 30 mm AK-630M
Täuschkörper: 2x PK16 2x PK16 4x PK10 4x PK10
Besatzung: 38 Mann 38 Mann 38 Mann 44 Mann
Einheiten in der Klasse: 22 8 (9?) 32 3

Korvette Typ Tarantul-I der jemenitischen Marine, aufgenommen im November 1990. (Picture by US Navy)



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Text by Praetorian. Letztes Update: 22. February 2009