HMS Ocean



HMS Ocean auf See (Picture by Royal Navy)

Geschichte

Der Falklandkrieg 1982 zwischen Großbritannien und Argentinien brachte für die Royal Navy einige neue Erkenntnisse. Neben der mangelnden AEW-Fähigkeit und anderer Defizite, stellte man ein Fehlen von ausreichender amphibischer Landungskapazität fest. Kurz vor dem Falklandkrieg war man sogar drauf und dran gewesen, die Royal Marine Commandos (brit. Marineinfanterie) aufzulösen und deren amphibischen Landungsschiffe einzumotten.
Doch der Krieg brachte die Erkenntnis, dass die amphibische Kriegsführung trotz des Kalten Krieges nicht veraltet war, sondern sich hervorragend bei Friedenseinsätzen, Bürger- und Kleinkriegen bewährt hat, wie spätere Beispiele in Grenada und Somalia zeigten. Die Royal Navy verfügte aber nur über die beiden Landungsschiffe HMS Fearless und HMS Bulwark, sowie weitere Einheiten der Royal Fleet Auxiliary Service (RFA, Königliche Hilfsflotte). Es hat sich im Kampf um die Falklands gezeigt, dass die amphibische Kriegsführung nicht nur auf das Eindringen über die Meeresseite ausgelegt ist, sondern dass eine Erweiterung mittels Luftlandungen diese Art der Kriegsführung schneller und effektiver macht. Doch die Landungsschiffe der Briten hatten kaum Hubschrauber-Landungsplätze, geschweige denn Hangars für deren Wartung. Diesen Mangel wollte man mit einem reinen Hubschrauberträger lösen. Als Vorbild dienten hierbei die amerikanischen Hubschrauberträger. Anfangs wurden noch vorhandene Flugzeugträger zu sogenannten "Commado-Carriern" ausgebaut, welche nur Hubschrauber an Bord hatten. Doch nach deren Ausmusterung Anfang der 80er Jahre herrschte hier ein deutlicher Mangel.
Schließlich schrieb das britische Verteidigungsministerium im Juli 1987 einen Auftrag für einen solchen amphibischen Helikopterträger für die Royal Navy aus. Im Mai 1993 wurde der Auftrag zugunsten der Firma Vickers Shipbuilding and Engineering Ltd. (der heutigen BAE Systems Marine) erteilt. Der Helikopterträger sollte als primäre Aufgabe die schnelle Anlandung von Truppen mit Helikoptern und Landungsbooten haben. Weitere Aufgaben beinhalteten begrenzte Einsätze als ASW-Plattform (Anti-U-Boot Kriegsführung), als Basisschiff für Einsätze des SAS (Special Air Service = Spezialeinheit des britischen Heeres) und des SBS (Special Boat Service = Kampfschwimmer der Royal Navy). Außerdem sollte das Schiff geringe Kosten verursachen, welche nicht sonderlich über denen einer Fregatte liegen. Dass dies auch schließlich erreicht wurde, ist gerade in der heutigen Zeit, in der Kosten von Militärgerät schnell in Milliardenhöhe schießen können, sehr selten. Ein Grund hierfür dürfte sein, dass es nach kommerziellen Standards gebaut wurde und nicht viel mehr kostete als eine britische Fregatte des Typ 23.
Das Schiff sollte den Namen HMS Ocean tragen, einen sehr traditionsreichen Namen in der Royal Navy. Bisher dienten sechs Schiffe verschiedener Zeitalter in der Royal Navy unter diesem Namen. Es waren zwei Kanonen-Segelschiffe, ein Panzerschiff, ein Zerstörer sowie ein leichter Flugzeugträger. Seit fast 230 Jahren segeln und fahren Schiffe unter diesem Namen durch die Weltmeere und nahmen an Gefechten in der karibischen See, gegen Frankreich, im 1. Weltkrieg, im Koreakrieg und im Suez-Kanal teil. Am 11. Oktober 1995 begann man mit dem Bau des Schiffes und am 20. Februar 1998 wurde das Schiff von der britischen Königin auf den Namen HMS Ocean getauft. Am 30. September 1998 lief das Schiff erstmals aus und beendete seine Übungs- und Testphase im Herbst 1999. Der Heimathafen der Ocean liegt in Devonport, England.
Doch kaum in Dienst gestellt, wurde das Schiff ins Mittelmeer verlegt, um mit den auf ihm stationieren Royal Marines an Operationen im Rahmen des Kosovokrieges und der KFOR-Truppen teilzunehmen. Kurz darauf wurde die Ocean in die Türkei beordert, um dort nach einem schweren Erdbeben zu helfen.
Im Jahre 2000 wurden im kleinen westafrikanischen Land Sierra Leone UN-Soldaten und britischen Staatsangehörige durch den dort tobenden Bürgerkrieg bedroht. Daraufhin wurde neben Paras (Fallschirmjägern) und dem SAS, auch die Ocean mit ihrer ARG (Amphibious Ready Group) verlegt, um die dortigen britischen Kräfte zu unterstützen.
Nach den Terroranschlägen auf das World Trade Center und das Pentagon in den Vereinigten Staaten im Jahr 2001, sicherte auch das Vereinigte Königreich den USA ihre volle Unterstützung zu. Dazu gehörte auch die Bereitstellung von amphibischen Kapazitäten. 40 Commando wurde auch auf HMS Ocean eingeschifft und nahm an Manövern im Oman teil. Doch die HMS Ocean musste zu ihrem ersten Werftüberprüfung und die Royal Marines mussten solange auf dem Landungsschiff HMS Fearless und dem als provisorischen Hubschrauberträger umfunktionierten Carrier HMS Invincible unterkommen. Schließlich war die Werftpause vorbei und die HMS Ocean löste mit dem auf ihr stationierten 45 Commando die anderen Royal Marines in Afghanistan ab. Kam das 40 Commando nur als erste ISAF-Truppen zum Einsatz, so wurde es für die sie ablösenden Marines vom 45 Commando wesentlich ernster. Sie, und somit auch ihre Basisplattform die HMS Ocean, nahmen an direkten Kämpfen gegen versprengte Taliban- und Al-Qaida-Reste teil.
Zusammen mit den zwei Landungsschiffen HMS Albion und HMS Bulwark (laufen der Flotte von 2003 bis 2004 zu) und den fünf neuen Landing Ship Logistic (LSL), verjüngt die HMS Ocean die amphibische Kapazität der Royal Navy enorm und erweitert diese auch, ohne das mehr Schiffe in Dienst gestellt werden müssen.



Die HMS Ocean kehrt von ihrem Einsatz in Sierra Leone zurück, im Vordergrund ein LCVP Mk.5. (Picture by Royal Navy)

Technik & Ausstattung

Allgemein

Der Rumpf der Ocean basiert auf dem der Invincible-Klasse, doch das Innenleben unterscheidet sich deutlich von den Flugzeugträgern. Die Ocean ist über 1.000 t schwerer als die drei Träger der Invincible-Klasse und somit das schwerste Schiff, das seit über 40 Jahren für die Royal Navy gebaut wurde.
Eine Besonderheit besteht darin, dass das Schiff sozusagen komplett um einen britischen Marineinfanteristen "herumgebaut" ist. Nachdem die Marines eingeschifft sind, ist das Ziel, dass sie schnellstmöglich bei einem Einsatz wieder aus dem Schiff herauskommen. Um das zu erreichen sind alle Gänge so gebaut, dass sich ein Marine mit seiner schwersten Ausrüstung (dies stellt die Arktis-Ausrüstung dar) gut darin bewegen kann. Die Wege zu den Landungsbooten und zu den Flugzeugliften sind möglichst breit und einfach zu erreichen. Das Schiff ist in 6 verschiedene Decks gegliedert. So sind auf Deck 2 die allgemeine Kommandozentrale, eine weitere Kommandozentrale für amphibische Operationen und ein zentrales Kommunikationszentrum stationiert. Weiterhin gibt es in diesem Deck auch eine Krankenstation, die auch eine Intensivstation und OP-Einrichtungen enthält. Auf Deck 4 befinden sich die Landungsboote und Hovercrafts, außerdem ist hier noch das Fahrzeugdeck zu finden. Eine Rampe verbindet das Fahrzeugdeck mit dem Hangar. Im Deck 5 befindet sich der Hangar für die Helikopter. Auf dem Deck 6 sind die Schlafräume für die 283 Mann der Schiffscrew und das Schiffskontrollzentrum angeordnet.

Besatzung & Beladung

Das Schiff hat eine rein seemännische Besatzung von 283 Mann und 180 Mann die für Wartung und Flugbetrieb der Helikopter zuständig sind. Weiterhin bietet das Schiff Platz für 480 Royal Marines, aber bei beengter Zuladung ist auch der Transport von bis zu 800 Marines möglich. Das Schiff kann im Fahrzeugdeck bis zu 40 Land Rover und 34 dazugehörige Anhänger aufnehmen. Weiterhin ist Platz für sechs 105 mm LG Haubitzen und die komplette persönliche Ausrüstung, Munition, Versorgung eines Commandos (etwa Bataillonsgröße) der Royal Marines oder eines Heeresbataillons. Es kann natürlich auch jedes andere britische Militärfahrzeug geladen werden, die einzige Ausnahme bilden schwere Kampfpanzer.
Um diese Kräfte auch anlanden zu können, sind 4 LCVP Mk.5 Fahrzeug/Personenlandungsboote und 2 Griffon Hovercrafts an Bord stationiert. Die LVCPs haben eine maximale Zuladung von 24 t, sind 15,7 m lang und haben eine Breite von 4,3 m. Die Höchstgeschwindigkeit beträgt 24 kn (ca. 45 km/h), die Reichweite umfasst einen Radius von 210 Seemeilen und die Besatzung besteht aus 3 Royal Marines. Eine typische Beladung stellt ein Zug Royal Marines (35 Mann) oder zwei Landrover dar. Um die Landungsboote kümmert sich die auf Dauer an Bord der HMS Ocean stationierte 9 Assault Squadron Royal Marines. Die Einheit ist für die Wartung und das Bedienen der Landungsboote zuständig und besteht aus 2 Offizieren und 28 Unteroffizieren und Mannschaften. Die Landungsboote werden über sogenannte "Davits" zu Wasser gelassen, da die Ocean im Gegensatz zu anderen artverwandten Schiffen wie z.B. den amerikanischen Hubschrauberträgern über keine "Welldecks" verfügt.

Flugbetrieb

Das Schiff hat Kapazitäten um 18 Hubschrauber in seinem Hangar aufzunehmen. Meistens setzt sich diese Flotte aus einem Mix aus 12 Transporthubschraubern Westland Sea King HC.4 der 845 NAS und der 846 NAS (NAS = Naval Air Squadron = Marinefliegerstaffel) und 6 Westland AH.1 Gazelle oder 6 Westland Lynx AH.7 (mit TOW-Raketen) zusammen. Die Gazelle und Lynx stammen aus der 847 NAS und haben die Aufklärer- und Panzerabwehrrolle (Lynx ist mit 8 TOW-Raketen bewaffnet) übernommen. In Zukunft werden die Sea King durch den Merlin EH101 abgelöst, welcher dann ebenfalls mit 12 Exemplaren auf der HMS Ocean stationiert sein wird. Ab 2003 werden dann die Lynx und Gazelle durch eine maritime Version des WAH-64D Apache ersetzt, welcher dann auch mit 6 Stück auf dem Schiff eingesetzt wird. Der Apache wird auch dank seines Longbow-Radars die Aufgabenbereiche der Lynx und Gazelle in sich vereinen und die Leistungsfähigkeit erhöhen.
Selbstverständlich kann die Ocean auch andere Hubschraubertypen aufnehmen, so ist das Flugdeck stabil genug für die Aufnahme von Chinook HC.1 Helikoptern der Royal Air Force, wie dies auch während des Anti-Terror-Krieges 2001/02 in Afghanistan praktiziert wurde. Weiterhin besteht die Möglichkeit 15 Sea Harrier FA. Mk.2 Kampfflugzeuge an Bord zu nehmen, allerdings fehlt der Ocean als "klassischer" Hubschrauberträger eine "Ski-Rampe" und die Harrierpiloten wären auf treibstoffverschwenderische Senkrechtstarts angewiesen. Die Hubschrauber sind in dem 113,3 m langen, 21m breiten und mindestens 6,2 m hohem Hangar untergebracht und werden mit 2 Aufzügen auf das Flugdeck gebracht. Das Flugdeck ist 170 m lang und 32,2m breit und besitzt 6 Startpunkte und 6 Parkpunkte für die Hubschrauber an Deck.



Die HMS Ocean bereit sich auf ihren Landungseinsatz vor. Die LVCPs in den Davits sind deutlich sichtbar. (Picture by Royal Navy)

Waffen

Die Ocean verfügt über drei Phalanx Mk.15 (CIWS) Waffensysteme zur nahen Luftverteidigung. Sie bestehen jeweils aus einer 20 mm M61A1 Vulcan Gatling-Kanone der Firmen Raytheon/General Dynamics. Dieses Waffensystem kommt auch auf dem Flugzeugträger HMS Ark Royal zum Einsatz und besitzt eine Reichweite von 1,5 km und eine Feuerrate von 3.000 Schuss/min. Zur Nahverteidigung gegen Luft- und Seeziele verfügt die Ocean auch noch über zwei GAM-B01 20 mm Maschinenkanonen der Firma Oerlikon/BAE SYSTEMS, welche ein maximale Reichweite von 2 km und eine Feuerrate von 1.000 Schuss/min besitzen. Passive Abwehr ermöglichen die acht Sechsfach-Täuschkörper-Werfer Outfit DLJ(2) NATO Sea Gnat. Das Fehlen jeglicher Art von Flugabwehrraketen macht deutlich, dass die Ocean nicht ungefährdet alleine operieren kann und auf Geleitschutz von Fregatten und Zerstörern angewiesen ist.

Kommunikationssysteme & Sensoren

Die Kommunikations- und Befehlssysteme der Ocean sollten von vornherein einen einheitliche Datentransfer mit anderen Schiffen der Royal Navy gewährleisten. Zu diesem Zweck wurde das ADAWS 2000 Combat Data System der Firma BAE SYSTEMS eingebaut. Das System ist UNIX-basiert und verfügt über eine Windows-ähnliche Benutzeroberfläche. Weiterhin bestehen Link 11, 14 und 16 Kommunikationssysteme, ein SATCOM 1D Satellitenkommunikationssystem der Firma Astrium (vorher Marta Marconi) und eine Merlin Computerverbindung zur Verfügung. 
Die amphibische Operationszentrale verfügt über einen großen Bildschirm und hat das EDS Defence Command Support System (CSS). Hiermit kontrollieren die Benutzer die amphibischen Operationen und leiten diese.
Um den Luftraum zu überwachen ist das kombinierte BAE SYSTEMS 996 Luft- und Überwachungssuch-Radar installiert. Zur Navigation und Flugkontrolle der Helikopter werden zwei Kelvin Hughes Type 1007 Radare betrieben. 

Antrieb

Das Schiff wird von zwei Crossley Pielstick 16 PC2.6 V 200 Dieselturbinen mit 23.904 PS angetrieben. Mittels dieses Antriebes und der fünfblättrigen Schiffschraube erreicht die Ocean eine offizielle Höchstgeschwindigkeit von 18 kn., doch im Juni 1998 wurden auf einer Probefahrt eine Spitzengeschwindigkeit von 20,6 Knoten erreicht. Die Tankvorräte lassen eine maximale Reichweite von 8.000 Seemeilen bei der wirtschaftlichen Geschwindigkeit von 15 kn zu.

Weitere Fakten

- Die HMS Ocean ist in der Lage 80 t Wasser am Tag durch eine Meerwasserentsalzungsanlage in Trinkwasser umzuwandeln.
- Neben einem Fitnessraum verfügt das Schiff auch noch über einen Schiessstand für Handfeuerwaffen. 



Hubschrauberoperationen an Bord der HMS Ocean (Picture by Royal Navy)

Schiffsname: HMS Ocean (LPH01)
Typ: Landing Platform Helicopter (Amphibischer Hubschrauberträger)
Hersteller: Vickers Shipbuilding and Engineering Ltd (heute BAE Systems Marine) Kvaerner Govan Ltd.
Indienststellung: 1998
Länge: 203,4 m
Breite: 34 m
Höhe über alles: 170 m
Tiefgang: 6,6 m
Wasserverdrängung: 21.578 t
Antrieb: 2 x Crossley Pielstick 16 PC.2 V200 Diesel Turbinen mit
Leistung: 23.904 PS
Höchstgeschwindigkeit (offiziell): 18 kn (ca. 33 km/h)
wirtschaftliche Höchstgeschwindigkeit: 15 kn (ca. 28 km/h)
Fahrbereich: maximal 8.000 sm bei 15 kn
Flugabwehrbewaffnung: 3 x Raytheon/General Dynamics Mk.15 20 mm Phalanx (CIWS)
2 x Oerlikon-Contraves/BAE SYSTEMS GAM-B01 20 mm Maschinenkanonen
Defensivbewaffnung: 8 x Sechsfach-Täuschkörper-Werfer Outfit DLJ(2) NATO Sea Gnat
Flugdeck: 170 m x 32,6 m
Hangardeck: 113,3 m x 21m x 6,2 m
Aufzüge: 2
Flugzeuge: 12 x Sea King HC4/ Merlin EH.101 Transporthubschrauber und 6 x Lynx AH7/ Gazelle/ WAH-64D Apache oder keine Hubschrauber und stattdessen 15 x Sea Harrier FA.Mk 2
Beladung: 40 Land Rover + 34 Anhänger 6 x 105 mm LG Haubitzen
Anzahl der Landungsboote an Bord: 4 x LCVP Mk.5 Landing Craft 2 x Griffon Hovercrafts
Besatzung: 283 Seeleute 180 Mann für die Flugzeuge und bis zu 830 Marines
Schiffe der Klasse: 1
Baukosten: £201 Millionen

Die HMS Ocean auf Fahrt, die drei Phalanx Mk.15 CIWS sind in dieser Ansicht gut zu erkennen. (Picture by Royal Navy)


 

Text by Desert Hawk; Korrektur: british steel, UncleK. Letztes Update:  3. October 2007