Enfield L85A1

(SA-80)



Das L85A1 stellt die standardmäßige, vollautomatische Infanteriewaffe des britischen Heeres da, die dort unter der Bezeichnung SA-80 eingeführt wurde. Aufgrund ihrer Bullpup-Bauweise besitzt die Waffe einen, für ihre geringe Eigenlänge von 785 mm, relativ langen Lauf (518 mm). Das SA-80 war ursprünglich für das Kaliber 4,7 mm ausgelegt worden. Diese Patrone war eine britische Entwicklung und verlor gegen die 5,56 x 45 mm bei den Ausscheidungstests für eine neue NATO Standardpatrone. Die Waffe wurde entsprechend geändert, was jedoch in einem sehr kurzen Zeitraum geschehen musste, so dass viele Fehler auftraten. 
Der mit Drehverschluss ausgestattete Gasdrucklader ist hauptsächlich aus Prägeteilen gefertigt. Abgesehen von Vorderschaft, Pistolengriff, Wangenschutz und Schulterplatte, die aus hartem und schlagfestem Kunststoff bestehen. Hinter dem Magazin befindet sich ein kleiner Wahlhebel für Einzel- und Dauerfeuer, gesichert wird aber über eine Sperrklinke vor dem Abzug. Auf der rechten Seite ragt ein kurzer, runder Spannhebel hervor und eine Klappe am Hülsenauswurf soll die Ladekammer vor grobem Schmutz von außen schützen - diese wird nach Auswurf der ersten Hülse geöffnet. Anfängliche Probleme mit einem anfälligen Vorderschaft und dem aufgrund seiner ungünstigen Platzierung des öfteren unabsichtlich gelösten Magazins wurden inzwischen behoben sein. 
Das SA-80 verfügt außerdem über eine Reihe von zusätzlichen Ausstattungsmerkmalen: So gibt es ein kurzes Bajonett, welches auch zum Zerschneiden von Draht verwendet werden kann. Mit dem Rohr kann eine große Anzahl von Gewehrgranaten verschossen werden (vom britischen Heer jedoch nicht eingesetzt). Auch gibt es, ähnlich dem amerikanischen M203, einen Granatwerfer für 40 mm-Geschosse. Diese Einzelfeuerwaffe läuft unter der Kennung Hilton HG40, hat einen eigenen Abzug und wird unter dem Vorderschaft angebracht. Wie schon beim österreichischen Steyr und dem deutschen G36 war beim L85A1 ein optisches Visier von Anfang an vorgesehen. Dieses leichte L9A1 SUSAT-Fixfokus-Objektiv (Snit srms t<//u>rilux) vergrößert vierfach. Da der Schütze hier nur einen Zielpunkt auf einer Leuchtnadel auf das Ziel ausrichten muss, läuft der Zielvorgang wesentlich schneller als bei der Ausrichtung von Kimme und Korn. Auch gibt es leistungsstarke Bildverstärker für das SUSAT, wie das britische Pilkington Kite für Nachteinsätze. Da das SUSAT jedoch relativ teuer ist, gibt es zum Beispiel für Unterstützungstruppen ein konventionelles Visier, das jedoch in kürzester Zeit gegen das SUSAT ausgetauscht werden kann.



Ein Enfield L85A1 zerlegt in seine Einzelteile

Das SA-80 wies in der endgültigen und an die britischen Streitkräfte ausgelieferten Ausführung anfangs mehr als 50 konstruktionsbedingte Fehler auf. Die Fertigungstoleranzen waren zu eng, so dass die Waffe sehr schnell unter sandiger und staubiger Atmosphäre versagte. So konnte beispielsweise Sand durch die Waffenöffnungen eindringen und somit die Funktion beeinträchtigten. Häufig traten diese Störungen bereits nach dem ersten oder zweiten Schuss auf, was britische Soldaten dazu brachte der Waffe den Beinamen "Flop, Flop" zu geben, da das L85 nach dem Auftreten dieser Störung erst gründlich gereinigt werden musste, bevor damit weiter geschossen werden konnte. Um diesem Zustand provisorisch Einhalt zu gebieten, wurden die britischen Soldaten im Golfkrieg angewiesen, wenn sie die Waffe nicht gebrauchen sie komplett zu entölen und alle Öffnungen mit Klebeband zu verschließen. Erst kurz vor einem Gefecht oder einem möglichen Waffeneinsatz, beispielsweise bei der Wache, sollten die Klebestreifen abgenommen, die Waffe gründlich zerlegt und gereinigt, sowie stark geölt werden. Ein weiteres und ernstes Problem stellt die Reinigung im Feld selbst dar, die recht schwierig vorzunehmen ist und dadurch die Zuverlässigkeit nachhaltig beeinflussen kann.

 

Kritik wurde auch über die Lage des Magazins laut, die das Nachladen beim Liegen erschwert (der Schütze hat das Magazin nicht mehr in seinem Sichtfeld über die angelegte Waffe und muss kompliziert umgreifen, was natürlich Zeit beansprucht). Auch verabschiedete sich die Munition öfters, durch unbeabsichtigtes Auslösen des Hebels für die Magazinhalterung (liegt auf der linken Seite) durch z.B. Entlangstreifen an der Kleidung.

 

Außerdem weist das 30 Schuss fassende Standardmagazin des SA-80 selbst einen konstruktiven Fehler auf: Die Magazinlippen sind leicht zu beschädigen, was dazu führt, dass sie bei Verengung, die Weiterförderung der Patrone behindern, oder bei Erweiterung ein Einstecken des Magazins in die Waffe unmöglich machen. Viele britische Soldaten beschafften sich daraufhin auf eigene Kosten und meist kompanieweise die ebenfalls ins SA-80 passenden 30schüssigen US M16 Magazine. Diese Magazine wurden dann im Gefecht oder im Training benutzt und die L85A1 Originalmagazine nur für das Exerzieren oder für die Stubenkontrolle. 


Die 4fach SUSAT Optik ist auch nicht optimal: Zum einen ist die Vergrößerung zu stark, was zu Behinderungen im Nahkampf führt, zum andern beschlagen die Gläser bedingt durch starke Temperaturveränderungen innenseitig. Die Form des Zielfernrohrs ist ebenfalls unglücklich gewählt. Bei den britischen Palastwachen die in ihren roten Uniform mit dem SA-80 beispielsweise vor dem Buckingham Palace stehen, sorgte die Kante der Optik dafür, dass beim Marschieren die Uniformen beschädigt wurden. Daher wurde diese Einheit kurzzeitig mit dem alten L1A1 ausgerüstet bevor eine Schutzhülle für die SUSAT eingeführt wurde. Ein weiterer Fehler war das Bajonett. Es bestand aus Aluminium und war nicht scharf genug, um damit Draht zu schneiden; außerdem brachen die Klingen des öfteren.

 

Die für die Waffen verwendeten mechanischen Teile sind ebenfalls alles andere als als gut zu bezeichnen: Federn und der Schlagbolzen brechen häufig. Auch kann die Waffe nicht von Linkshändern bedient werden, da, wie bei einem Bullpup üblich, die Auswurföffnung auf einer Höhe mit dem Gesicht des Schützen liegt. Beim Schuss würde sich ein Linksschütze schwere Verletzungen im Gesicht zuziehen. Zudem fehlt dem SA-80 die Durchschlagskraft des Vorgängers SLR (7,62 x 51 mm) und obwohl es dieses eigentlich abgelöst hat, zogen teilweise britische Truppen im Golfkrieg ihr altes SLR für die großen Gefechtsdistanzen in der Wüste dem SA-80 vor. 


Doch es gibt noch ein weiteres schwerwiegendes Problem: Das L85A1 wurde speziell auf die von "RO Defence Radway Green" hergestellte 5,56 x 45 mm Munition (L2A2) abgestimmt, die eine besonders hochwertige Patrone mit geringen Herstellungstoleranzen und einer etwas anderen Ladung als bei der "normalen" NATO-Patrone ist. Wird nun eine andere Patrone verfeuert, was im Konfliktfall durchaus normal ist, kann aus dem Enfield eine sehr störanfällige Waffe werden. 


Aufgrund dieser Anzahl an Mängeln, wurde das L85A1 1996 auch von der NATO Nominated Weapons List gestrichen. Heckler & Koch in Oberndorf hat sich mit den Problemen aber bereits auseinandergesetzt und wird durch mehrere Modifikationen den Einsatzzeitraum bis 2020 ausweiten. Das Upgrade kostet das britische Verteidigungsministerium etwa 250 Mio. DM und bezieht sich auf 200.000 Waffen, die ab 2001 geändert werden. 
Es gibt noch 2 weitere Versionen des L85A1: Ein halbautomatisches Gewehr für die Ausbildung der Rekruten und eine leichte Unterstützungswaffe (LSW=Light Support Weapon) mit der Kennung L86A1. Diese ist mit 5,4 kg schwerer und mit 900 mm auch länger als das L85A1. Hinter dem Magazin befindet sich ein Haltegriff und an der Schulterplatte ein klappbarer Haltebügel. Unter dem schwereren und längeren Rohr (646 mm), das für eine höhere Mündungsgeschwindigkeit und größere Reichweite sorgt, befindet sich ein klappbares Zweibein. Die Munitionszufuhr erfolgt weiterhin über 30schüssige Magazine.

 

Als letztes gibt es noch Kurzversion des SA-80, eine kompakte Bullpupwaffe von nur 556 mm Länge. Hier gibt es keinen richtigen Vorderschaft mehr, sondern nur einen zum Lauf senkrechten Haltegriff. Auch das Rohr sowie die Gasabzweigung sind enorm verkürzt und so schaut fast nur noch der Mündungsfeuerdämpfer aus dem Gehäuse. Die effektive Kampfentfernung verkürzt sich dadurch auf ungefähr 300 m und die Mündungsgeschwindigkeit sinkt auf knapp 800 m/s. Die Reichweite des bereits erwähnten 1,8 kg schweren Granatwerfers liegt bei eher theoretischen 350 Metern. 


Das SA-80 wurde in keine weitere Streitkraft eingeführt. In einem Feldtest gegen das G3, das M16A2/C7A2, AK-47 und das FN FAL schloss das SA-80 als schlechteste Waffe ab.



Soldaten auf Patrouille durch den Dschungel (Picture by www.royal-navy.mod.uk)

Bezeichnung der Waffe: L85A1
Hersteller: Royal Small Arms Factory
Länge: 785 mm
Gewicht: 4,52 kg (leer)
4,89 kg (geladen)
Kaliber: 5,56 x 45 mm
Mündungsgeschwindigkeit: 940 m/s
Feuerrate: ca. 800 Schuss/min
effektive Schussweite: ca. 400 m
Munitionszufuhr/Magazingröße: Stangenmagazin für M16A2 mit 30 Schuss

SA 80 im Schuss mit Platzpatronen. Links neben dem Kopf fliegt die ausgeworfene Hülse. Der gelbe Aufsatz an der Mündung ist das Mänoverpatronengerät. (Picture by www.royal-navy.mod.uk)


 

Text by Kreuz As, UncleK. Letztes Update:  7. September 2007