Mannlicher-Carcano 1891

(Modello 1891 Fucile)


Modello Fucile 1891 (Picture by www.il91.it)

Gewehre und Karabiner des Systems Mannlicher-Carcano in mehr als 15 Varianten waren fast 50 Jahre lang aktuell. Dabei war die Konstruktion, vor allem die dafür entwickelte Patrone, schon zu Beginn des 20. Jahrhunderts hoffnungslos veraltet. Im Jahr 1888, als Österreich das Kommissgewehr 1888 von Mauser als Standardwaffe übernahm, gründete das italienische Kriegsministerium eine Kommission zur Erprobung eines neuen Gewehrs. Im Laufe der Jahre wurden mehr als 50 verschiedene Modelle getestet und 1890 das geforderte Kaliber von 8 und 7,5 auf 6,5 mm verringert. Schließlich entschied die Kommission, ein italienisches Modell mit einem Magazin, das Ferdinand Ritter von Mannlicher entwickelt hatte, zu kombinieren. Für die Lizenz erhielt Mannlicher 300.000 Lire. Modello Uno (Staatliches Waffenarsenal Turin) und Modello Duo (Staatliches Waffenarsenal Terni und Torre Annunziata) wurden schließlich im Truppenversuch getestet, wobei das Erstgenannte bevorzugt wurde. Die Kommission entschied sich 1892 für das Modell aus Turin, und das Kriegsministerium folgte wenig später dem Vorschlag. Am 29.3.1892 wurde dieses Gewehr offiziell als neue Standardwaffe der italienischen Streitkräfte eingeführt und als Fucile di Fanteria Modello 1891 bezeichnet, als Patrone wurde die neu entwickelte 6,5 x 52 mm ohne Rand verwendet. Somit war das 1892 eingeführte System schließlich keine Neu-, sondern eine Weiterentwicklung des legendären „Komissgewehrs 1888“ mit verändertem Verschlusssystem und dem neuen Magazin von Ferdinand Ritter von Mannlicher. Als Konstrukteure des Systems 1891 machte sich die Entwicklungsabteilung im staatlichen Waffenarsenal Turin unter Leitung von Salvatore M. Carcano (1827-1903), einem Oberstleutnant und Waffeningenieur, verdient. Seiner Verantwortung unterlag die Entwicklung dieser Waffe. Daher wurden die Waffen später auch entsprechend bezeichnet: Mannlicher-Carcano oder als Parravicino-Carcano, oft auch lediglich mit dem Namen des Oberstleutnants. Der Name Parravicino stammt von Gustavo Parravicino, dem Präsident der Kommission. Zum damaligen Zeitpunkt zweifellos brauchbar, erwies sich Waffe und Munition bald als technisch überholt. Dies trat schon während des Italienisch-Türkischen Krieges 1911/12 in Erscheinung, jedoch spätestens im I. Weltkrieg bewährten sich beide nicht mehr. 

Vom System 1891 standen drei Grundausführungen zur Verfügung: Das lange Infanteriegewehr (Modello 1891 Fucile), die kurze Version mit Klappbajonett (Modello 1891 Moschetto Cav.) und als Karabiner (Modello 1891 Moschetto T.S.). Für alle drei Waffen existierten Bajonette, allerdings mit unterschiedlicher Befestigung. Der größte Teil der Waffen wurde in Terni und Brescia hergestellt, neun weitere Waffenfabriken, darunter Pietro Beretta und Gardone Val Trompia, wurden später bei den neuen Versionen beteiligt. Und davon gab es nicht gerade wenig, mehr dazu im folgenden Abschnitt Versionen. Zu den seltensten Waffen gehören die Modelle der Guardie del Re (Königliche Wache) und Moschettieri del Duce (Benito Mussolini's Wache), beide erkennbar am schwarzen Schaft, etlichen Verzierungen und einer nicht üblichen Bajonettbefestigung.

Das Modell 1891 ist ein Mehrladegewehr konventioneller Bauart mit Zylinderverschluss und einem im Mittelschaft integrierten Magazin. Zwei Warzen verriegeln das System. Wie bei den meisten älteren Militärmehrladern wird die Waffe durch eine Flügelsicherung gesichert. Das Nachladen erfolgt nach dem üblichen Prinzip. Der Verschlusszylinder wird unter Zuhilfenahme des so genannten Kammernstengels um einen bestimmten Winkel gedreht, der Zylinder danach zurückgezogen. Beim Zurückziehen zieht der daran befindliche Auszieher die leere Hülse aus dem Patronenlager und wirft sie aus. Zum erneuten Laden wird mit dem Zylinder die nachfolgende Patrone ins Lager geschoben, das System durch die beiden Warzen verriegelt. Dadurch entsteht eine dem entstehenden Gasdruck standhaltende Einheit, die Waffe somit feuerbereit. Gefüttert werden solche Waffen wie bereits erwähnt mit einem Laderahmen nach Mannlicher-Bauart, seine Kapazität beträgt sechs Schuss. Dieser ist gleichzeitig einer der Schwachpunkte des Systems, da der Magazinschacht aufgrund dieses Rahmens sehr schnell verschmutzen konnte. Des Weiteren funktionieren solche Waffen nur, wenn der Laderahmen mit der Munition bis zum Einführen der letzten Patrone in das Patronenlager im Magazinschacht verblieb. Danach fiel er durch eine Öffnung nach unten heraus. Kritisiert wurde aber vor allem die Munition mit ihrer geringen ballistischen Leistung, das Geschoss mit der abgerundeten Spitze von zu wenig Durchschlagskraft und die entschieden zu kurze effektive Reichweite. Gezielt wird dem Gewehr über eine Schiebevisier, es ist von 450-2.000 Meter verstellbar.
Obwohl die ersichtlichen Mängel der Waffen und Munition schon vor dem Ersten Weltkrieg viel Zündstoff für Diskussionen geliefert hatten, entschloss man sich im Gegensatz zu anderen Staaten nicht zur Einführung des Spitzgeschosses. Die Ausrüstung der Streitkräfte mit besseren Waffen und stärkerer Munition wäre aber schon damals dringend notwendig gewesen, jedoch bemühte man sich jedoch nicht um die Entwicklung anderer Patronen. Mitte der dreißiger Jahre leitete man mit dem Modello 1938 Fucile Corto und der neuen, aber seltenen 7,35 mm Carcano Munition dann doch noch Maßnahmen ein, aber im Prinzip blieb es bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs bei den technisch veralteten Waffen und der Munition. Abgelöst wurden Mannlicher-Carcano Waffen erst Anfang der 60er Jahre. Zur neuen Standardwaffe avancierte das BM59, eine von Beretta entwickelte Modifikation auf Basis des amerikanischen Selbstladegewehrs M1 Garand (s. dort).



Versionen

  • Modello 1891 Fucile Beschreibung siehe oben.
  • Modello 1891 Moschetto Cavalleria (Cav.) Karabiner, am 15. Juli 1893 für die Kavallerie eingeführt und später auch bei den italienischen Fallschirmjägern eingesetzt. Unterscheidet sich vom Modello 1891 Moschetto T.S. hauptsächlich durch den verkürzten Vorderschaft und das festinstallierte, abklappbare Bajonett. Visierschussweite 450-1.500 Meter, hergestellt im Kaliber 6,5 x 52 mm Mannlicher-Carcano.
  • Modello 1891 Moschetto Truppe Speciali (T.S.) Verkürzte Version des originalen Gewehrs, Ende 1897 eingeführt. Kann mit einem aufpflanzbarem Bajonett ausgestattet werden. Wurde vor allem an Fernmeldetruppen, Militärkraftfahrer und Geschützbesatzungen ausgegeben, daher die ursprüngliche Bezeichnung Moschetto Truppe Speciali (Karabiner für Spezialtruppen). Visierschussweite 450-1.500 Meter. Kaliber 6,5 x 52 mm Mannlicher-Carcano.
  • Modello 1891 Moschetto Balilla Von dieser Waffe gab es verschiedene Varianten. Sie reichen von Modello 1891 Fucile bis hin Vetterli 1871 Gewehren, modifziert und für diverse Kaliber wie 5,5, 6,5 oder 6,8 mm vorgesehen. Benutzt wurden sie ausschließlich von Jugendlichen in der faschistischen Jugendorganisation, der ONB (Opera Nazionale Balilla).
  • Modello 1891/24 Moschetto ursprünglich Modello 1891 Fucile, wurden solche Waffen nach dem 1. Weltkrieg auf die Länge des Modello 1891 Moschetto T.S. gekürzt und von 1924 bis 1928 gefertigt. Die Visierung wurde nur geringfügig geändert und reicht von 450 – 1.500 Meter. Kaliber 6,5 x 52 mm Mannlicher-Carcano. Nach dem Zweitem Weltkrieg wurden wenige dieser Waffen bei der bayrischen Polizei eingesetzt.
  • Modello 1891/28 Moschetto Das 1891/28 war das erste völlig neue Carcano Gewehr das nach dem Ersten Weltkrieg produziert wurde. Es entspricht den Maßen des Modello 1891 Moschetto T.S. und kann ebenso mit einem Bajonett versehen werden. Von 1928 bis 1938 im Kaliber 6,5 x 52 mm Mannlicher-Carcano hergestellt. Für diesen und spätere Karabiner existiert ein Schiessbecher, "Tromboni Launchi Bombe" oder "Tromboncino Lanciabombe Modello 1928" genannt. Er ist dauerhaft rechts an der Waffe befestigt, seine Bedienung sehr kompliziert. Der Schütze muss die Waffe zum Teil zerlegen, um den Schiessbecher benutzen zu können.
  • Modello 1938 Fucile Corto Das italienische Militär hatte nach dem Krieg gegen Äthiopien 1935-1936 erkannt, das eine leistungsstärkere Patrone und ein verbessertes Gewehr benötigt wurde. Die Generalität vergab 1937 einen Entwicklungsauftrag für ein neues Gewehr und entschied sich damals für das seltene Kaliber 7,35 x 51 mm. 1938 stellte das staatliche Waffenarsenal die neue Modellreihe von Militärgewehren und -karabinern vor. Monate später, spätestens bei Italiens Kriegseintritt im Juni 1940, mussten die Verantwortlichen jedoch kapitulieren. Weder die verbesserte Waffe, noch die dafür vorgesehene Munition konnten in ausreichender Menge bereitgestellt werden. Bereits ausgelieferte Waffen mussten zurückgezogen, das Kaliber erneut auf 6,5 mm geändert werden. Allerdings war es nicht möglich alle Waffen zu erfassen. Später produzierte Waffen mit dem Kaliber 6,5 x 52 mm wurden 1891/38 genannt. Im Unterschied um Gewehr von 1891 hat die Waffe einen gebogenen Kammernstengel. Sie ist kürzer als das lange Infanteriegewehr, jedoch länger als der Karabiner. Deshalb wird sie als Kurzgewehr bezeichnet. Am Lauf kann ein klappbares Bajonett befestigt werden.
  • Modello 1938 Moschetto Cavalleria (Cav.) Karabinerversion des Modello 1938 Fucile Corto mit festinstalliertem, abklappbarem Bajonett, Kaliber 7,35 x 51 mm Carcano.
  • Modello 1938 Moschetto Truppe Speciali (T.S.) Karabinerversion des Modello 1938 Fucile Corto, Kaliber 7,35 x 51 mm Carcano.
  • Modello 1891/38 Fucile Corto Entspricht komplett dem Modello 1938 Fucile Corto, jedoch ab Mitte 1940 im Kaliber 6.5x52 Mannlicher-Carcano hergestellt. Eine Waffe dieser Baureihe mit der Seriennummer C2766 erlangte 1963 traurige Berühmtheit. Mit diesem Modell soll Lee Harvey Oswald am 22. November 1963 John F. Kennedy in Dallas, USA erschossen haben. Böse Zungen behaupten das JFK das einzige Opfer war, auf das mit einer Carcano geschossen und auch getroffen wurde.
  • Modello 1891/38 Moschetto Cavalleria (Cav.) Entspricht komplett dem Modello 1938 Cav., Kaliber 6,5 x 52 mm Mannlicher-Carcano.
  • Modello 1891/38 Moschetto Truppe Speciali (T.S.) Entspricht komplett dem Modello 1938 T.S., Kaliber 6,5 x 52 mm Mannlicher-Carcano.
  • Modello 1891/40 Fucile Langes Gewehr zu Probezwecken, es wurden nur wenige Exemplare gefertigt. Kaliber 6,5 x 52 mm Mannlicher-Carcano.
  • Modello 1891/41 Fucile 1941 als Ergänzung zum Modello 1891/38 Fucile Corto eingeführt. Diese Waffe ist fast mit dem Modello 1891 Fucile identisch, die Visierung kann jedoch nur von 300 bis 1.000 Meter eingestellt werden. Außerdem wurden kleineren Änderungen an der Riemenbefestigung und am Kolben vorgenommen. Kaliber 6,5 x 52 mm Mannlicher-Carcano.
  • Modello 1938S Moschetto Cavalleria (Cav.) Karabiner mit Klappbajonett und verkürztem Vorderschaft, Kaliber 7,92 x 57 mm (8 x 57 IS). Weitere Informationen siehe nachfolgendes Modell.
  • Modello 1938S Moschetto Truppe Speciali (T.S.) Im Jahr 1943 lagerten nicht unbedeutende Bestände Mannlicher-Carcano Waffen im Kaliber 7,35 mm in den italienischen Arsenalen. Teile davon wurden im September jenen Jahres unter deutscher Aufsicht zum Verschießen der Mauser Patrone 7,92 x 57 mm umgerüstet. Derartige Waffen wurde mit der Stempelung S versehen.
  • Tipo I Ein anderes interessantes Carcano Modell ist der Tipo I, welcher zum Verschießen der japanischen 6,5 x 50 HR Patrone M38 umgerüstet ist. Im Gegensatz zu allen anderen Carcano Modellen, welche den 6 Schuss Laderahmen haben, sind diese Waffen mit einem 5 Schuss fassendem integriertem Magazin ausgestattet. Von 1938 bis 1939 hergestellt, sollen etwa 110.000 Stück an die japanische Marine geliefert worden sein. Tipo I steht übersetzt für Typ I.

Oben Modello 1891 Moschetto Cavalleria, unten Modello 1891 Moschetto Truppe Speciali Der Laderahmen ist gut zu erkennen. (Picture by www.il91.it)

Von oben nach unten: Modello 1938 Fucile Corto, Modello 1938 Moschetto Truppe Speciali, Modello 1938 Moschetto Cavalleria (Picture by www.il91.it)

Bezeichnung der Waffe: Modello 1891 Fucile Modello 1938 Fucile Corto
Hersteller: Diverse Diverse
Länge: 1.285 mm 1.016 mm
Gewicht: 3,90 kg 3,68 kg
Lauflänge: 780 mm 540 mm
Zahl der Züge: 4 4
Drall/Dralllänge: rechts drehend, nimmt in Richtung Mündung ab rechts drehend,1 Drehung auf 215 mm
Kaliber: 6,5 x 52 mm Mannlicher-Carcano 7,35 x 51 mm Carcano
Mündungsgeschwindigkeit: 701 m/s 755 m/s
Feuerrate: 12 Schuss/min 12 Schuss/min
effektive Schussweite: 300 m 200 m
Visierschussweite: 450-2.000 m 300 m
Munitionszufuhr/Magazingröße: Ladestreifen mit 6 Schuss Ladestreifen mit 6 Schuss
Stückpreis: 45-150 US $, je nach Zustand 45-150 US $, je nach Zustand

Modello 1891/28 Moschetto mit dem Tromboni Launchi Bombe (Picture by www.il91.it)

Oben Modello 1891/28 Moschetto, unten Modello 1891/24 Moschetto (Picture by www.il91.it)


Weiterführende Literatur/Links

Richard J. Hobbs, The Carcano: Italy’s Military Rifle
Reiner Lidschun & Günther Wollert, Infanteriewaffen gestern, Brandenburgisches Verlagshaus
A Carcano Homepage von Alexander Eichner
www.il91.it von Alberto Simonelli & Lucio M. Balbo



 

Text by Raymond, Korrektur: Kreuz As, imi-uzi, UncleK. Letztes Update:  7. September 2007