Panzerfaust 3



Bundeswehrsoldat mit der Panzerfaust 3 im Anschlag

Die von der Troisdorfer Firma Dynamit-Nobel gefertigte Panzerfaust 3 ist eine moderne, modular aufgebaute Panzerabwehrhandwaffe, die derzeit bei den Streitkräften in Deutschland, der Schweiz, Japan, Italien und Südkorea in Verwendung ist.



Geschichte und Entwicklung

Über einen langen Zeitraum verfügte die Bundeswehr für die Panzerabwehr im Nahbereich (bis etwa 300 m) nur über die leichte Panzerfaust 44 mm 1 und 2 Lanze und die schwere Panzerfaust 84 mm "Carl Gustav". Zwar waren sie gegen homogene Walzpanzerstahlplatten (Panzerungen die aus einer Platte, unterschiedlicher Stärke, eines Stahltyps bestehen) noch ausreichend wirksam, konnten aber gegen moderne Verbundpanzerungen nicht mehr die erforderliche Durchschlagsleistung erbringen. 
Daher, und aufgrund der fortschreitenden Ausdehnung der Großstädte und der hieraus resultierenden höheren Bedeutung des Kampfes im bebauten Gelände wurde seitens der Bundeswehr eine Ablösung der vorhandenen leichten und schweren Panzerfäuste gefordert. Folgende Anforderungen wurden dem Koblenzer "Bundesamt für Wehrtechnik und Beschaffung" (BWB) im Rahmen der "Taktischen Forderung an das Wehrmaterial" vom 23. Januar 1973 übermittelt:
- Einwegwaffe
- ausreichend wirksam gegen alle bekannten Kampfpanzer
- einfacher und sicherer Gebrauch
- Möglichkeit des Abfeuerns aus geschlossenen Räumen
- geringer Ausbildungsaufwand
Im Jahr 1978 begann die Firma Dynamit-Nobel mit der Entwicklung einer zunächst als Panzerfaust 60/110 bezeichneten Waffe. 1985 begann die Vorserienproduktion des nun Panzerfaust 3 genannten Systems, zwei Jahre später wurde der PzFst 3 die technische Reife sowie die Truppenverwendbarkeit bescheinigt. Die Serienproduktion begann 1989. Am 30. September 1992 wurde sie in Hammelburg offiziell an Vertreter von Heer und Marine übergeben und löste ab diesem Zeitpunkt sowohl die leichte Panzerfaust 44 mm als auch die schwere Panzerfaust 84 mm "Carl Gustav" in den aktiven Verbänden querschnittlich ab. Die schwere Panzerfaust “Carl Gustav” wird in der Bundeswehr weiterhin als Leuchtbüchse 84 mm zur Gefechtsfeldbeleuchtung eingesetzt.



Technik

Die Panzerfaust 3 ist eine rückstoßfreie, schultergestützte Panzerabwehrwaffe, die von einer Person getragen und eingesetzt werden kann. Sie kann aus geschlossenen Räumen abgefeuert werden und ist mit dem neuesten Gefechtskopf (Monohohlladung neu, DM12A1) in der Lage, Panzerungen bis zu einer Stärke von 700 mm RHA zu durchdringen. Die Angaben bezüglich der maximalen Durchschlagsleistung variieren in verschiedenen Quellen sehr stark, diese Angabe stammt aus offiziellen Quellen der dt. Bundeswehr. Die effektive Reichweite beträgt laut Hersteller 300 Meter gegen bewegliche und 400 Meter gegen stehende Ziele. Diese Werte sind allerdings nur unter optimalen Bedingungen erreichbar, Seitenwind sowie die individuellen Fähigkeiten des Schützen können die Genauigkeit unter Umständen negativ beeinflussen. Das Gewicht der schussbereiten Waffe beträgt 12,9 Kilogramm.

 

 Wirkprinzip

Die hohe Durchschlagsleistung der PzFst 3 beruht auf dem Hohlladungsprinzip: Ein Hohlladungsgefechtskopf besteht aus einem hohlen Metallkegel, dessen Mantelfläche mit Sprengstoff ummantelt ist. Detoniert der Sprengstoff, so werden die Metallwände durch den enormen Explosionsdruck nach innen hin zusammengedrückt und verformt. Der so entstehende Stachel oder "Jet" wird auf eine enorme Geschwindigkeit beschleunigt und in die einzig freie Richtung gedrängt: zur Kegelbasis und damit in Richtung der zu durchschlagenden Panzerung, welche er durch seine gewaltige, auf einen winzigen Punkt konzentrierte Kraft (ca. 8000 m/s bzw. 10.000 kg/cm²) durchschlägt.



Das Griffstück der Panzerfaust 3 im ausgeklappten Zustand

 Aufbau

Die PzFst 3 besteht im Wesentlichen aus zwei Teilen, dem wieder verwendbaren Griffstück und der als Mengenverbrauchsgut klassifizierten Patrone, welche aus Abschussrohr und Geschoss besteht. Das aus glasfaserverstärktem Kunststoff gefertigte und mit Aluminium ausgekleidete Abschussrohr hat ein Kaliber von 60 mm und enthält die Treibladung mit Anzündblock und Verdämmung, außerdem den Schaft des Geschosses.
Die Granate im Kaliber 110 mm ragt vorne aus dem Abschussrohr heraus, und setzt sich zusammen aus dem Abstandsrohr sowie der Wirkladung. Ist das Abstandsrohr ausgezogen, wird die Durchschlagsleistung gegenüber Panzerungen maximiert, im eingeschobenen Zustand wird die Sprengkraft zum Kampf gegen weiche und/oder halbharte Ziele erhöht. Hinter der Wirkladung, im Geschossschaft, sitzen der Zünder, der Hauptantrieb sowie das Leitwerk.
Das Griffstück wird in einer separaten Tasche mitgeführt und zum Schuss an die Patrone angeklinkt. Eine Zieloptik mit 2,5-facher Vergrößerung ist fest montiert.
Die PzFst 3 ist in der Standardausführung nicht nachtkampffähig, d.h. der Feuerkampf ist bei Dunkelheit nur mit Gefechtsfeldbeleuchtung möglich. Das Griffstück verfügt jedoch über eine Aufnahmeschiene für Zusatzgeräte, die Waffe kann so durch das Anbringen eines Nachtsichtgerätes (z.B. NSA80) nachtkampftauglich gemacht werden.



Die Patrone der Panzerfaust 3, bestehend aus Geschoss und Abschussrohr

Einsatz

Die PzFst 3 wird wie folgt einsatzbereit gemacht:
Zunächst wird die Schutzkappe des Anzündblocks, die auch als zusätzliche Sicherung dient, entfernt. Dann wird das Griffstück mit den Führungshaken in die Führungsgabel der Patrone eingeklinkt. Sobald es hörbar einrastet, ist die Waffe teilgeladen und gesichert. Um Schussbereitschaft herzustellen wird zuerst die Schutzkappe vom Abstandsrohr entfernt. Dieses wird bei Bedarf noch ausgezogen und durch eine Linksdrehung fixiert. Abschließend werden noch Haltegriff, Schulterstütze und Spanngriff ausgeklappt und die Waffe entsichert.
Wird nun der Abzug betätigt, werden zwei gespannte Schlagbolzen gelöst, welche auf den Zünder im Anzündblock schlagen und die Treibladung zünden. Die Treibladung treibt dann das Geschoss aus dem Lauf. Gleichzeitig wird die hinter der Treibladung sitzende Verdämmung, welche aus zahlreichen Plastikkugeln besteht, nach hinten aus dem Abschussrohr ausgestoßen. Hierbei heben sich die gegenläufigen Kräfte auf.
Dieses so genannte Davis-Kanonen-Prinzip sorgt dafür, dass die PzFst 3 praktisch keinen Rückstoß besitzt. Außerdem wird der Feuerstrahl auf ein Minimum reduziert und ermöglicht so das Abfeuern der Waffe auch aus geschlossenen Räumen. Beim Schießen ist hinter dem Schützen aufgrund der ausgestoßenen Gegenmasse aber dennoch ein Sicherheitsbereich von zehn Metern erforderlich.
Nach Verlassen des Rohres wird das Geschoss durch den Hauptantrieb auf ca. 250 m/s beschleunigt und nach fünf Metern scharf gemacht.



Ein Schweizer Soldat feuert die Panzerfaust 3 bei Nacht ab

Versionen

Neben der 1992 bei der Bundeswehr eingeführten Standardausführung mit Monohohlladung existieren noch folgende Modelle:

 Panzerfaust 3-T

Die 1998 bei der Bundeswehr eingeführte Panzerfaust 3-T verfügt über eine Tandemhohlladung zur Erhöhung der Durchschlagsleistung gegenüber Reaktivpanzerungen. Hierbei wird das ERA-Modul (ERA – Explosive Reactive Armor; Mit Sprengstoff gefüllte Blöcke die beim Auftreffen einer Hohlladung detonieren und den Hohlladungsstachel stören) zuerst durch eine kleinere, so genannte Vorhohlladung ausgelöst, um so der eigentlichen Wirkladung das Durchdringen der Hauptpanzerung zu ermöglichen.

 Bunkerfaust

Bei der 1999 eingeführten Bunkerfaust sitzt hinter der Hohlladung noch eine Splitterladung. Diese explodiert durch einen Verzögerungszünder hinter der zu bekämpfenden Befestigung und setzt bis zu 1.200 Splitter und 900 Stahlkugeln frei. Sie eignet sich so optimal für die Bekämpfung von Bunkern und anderen Befestigungen im Orts- und Häuserkampf (OHK).

 DYNARANGE

Die Abfeuereinrichtung DYNARANGE mit Computervisierung Simrad IS2000 misst per Laserentfernungsmesser die Entfernung zum Ziel. Ein Feuerleitrechner ermittelt nach einer kurzen optischen Verfolgung des Zieles mittels der Winkelgeschwindigkeit und Zielentfernung einen Haltepunkt, welcher dann dem Schützen angezeigt wird. Auf diese Weise können Ziele bis zu einer Entfernung von 600 Metern bekämpft werden. Keine andere ungelenkte Panzerabwehrwaffe bietet eine auch nur annähernd vergleichbare Reichweite und Präzision. Bei der Bundeswehr ist diese Konfiguration als PzFst3-IT-600 eingeführt.

 Recoilless Grenade Weapon (RGW) 60 und 90

Hierbei handelt es sich um eine leichtere Patrone (Kaliber 60 bzw. 90 mm gegenüber den 110 mm der Standardpatrone) auf dem normalen Griffstück, wodurch das Gewicht der Waffe deutlich reduziert wird. Die RGW 60 bzw. RGW 90 ist für eine Verwendung im Orts- und Häuserkampf, zum Einsatz gegen Befestigungen und nicht oder nur leicht gepanzerte Fahrzeuge konzipiert, wo ein geringeres Gewicht entscheidender ist als eine hohe Durchschlagsleistung.
Die RGW 60 ist bei der Bundeswehr im Rahmen des IDZ-Programmes (Infanterist der Zukunft) in Verwendung, die RGW 90 befindet sich derzeit noch in der Entwicklung bei Dynamit-Nobel.

Die Panzerfaust 3 besitzt gegenüber anderen Panzerabwehrwaffen, die derzeit auf dem Markt verfügbar sind, einige entscheidende Vorteile: Die Modularität des Systems, vor allem das außerhalb des Abschussrohres befindliche Geschoss, ermöglichen eine problemlose Aufrüstung des Systems. Die PzFst 3 kann somit jederzeit mit minimalen Aufwand für aktuelle Erfordernisse modifiziert werden. Weiterhin gewährleistet die im Vergleich zum Abschussrohr grösserkalibrige Granate eine hohe Durchschlagsleistung in Verbindung mit einem vergleichsweise geringen Gewicht.



Bezeichnung der Waffe: Panzerfaust 3 Panzerfaust 3-T Bunkerfaust Panzerfaust 3-IT-600
Gewicht des Geschosses: 3,9 kg 4,3 kg 4,3 kg 4,3 kg
Gewicht der feuerbereiten Waffe: 12,9 kg 13,3 kg 13,3 kg 15,1 kg
Kaliber des Geschosses: 110 mm 110 mm 110 mm 110 mm
Kaliber des Abschussrohres: 60 mm 60 mm 60 mm 60 mm
Gesamtlänge: 1.350 mm 1.400 mm 1.270 mm 1.400 mm
Effektive Reichweite: 300/400 m* 300/400 m* 400 m Bis zu 600 m
Anfangsgeschwindigkeit: 150 m/s 150 m/s 150 m/s 150 m/s
Durchschlagsleistung: etwa 700 mm RHA etwa 700 mm RHA** 12 mm RHA oder bis zu 250 mm Mauerwerk etwa 700 mm RHA
Feuerrate: Anhängig vom bedienenden Soldaten Abhängig vom bedienenden Soldaten Abhängig vom bedienenden Soldaten Abhängig vom bedienenden Soldaten

* gegen fahrende bzw. feste Ziele
** auch gegen mit Reaktivpanzerung (Explosive Reactive Armor, ERA) geschützte Ziele



Die Panzerfaust 3 mit Nachtsichtgerät NSA80


 

Text by Enigma, Korrektur: Praetorian, Father Christmas, Styx, Kreuz As, UncleK. Letztes Update: 17. December 2008