Panzerschreck

Raketenpanzerbüchse 54 88 mm und 100 mm


Infanteriekarren mit Panzerschreck (MHM Dresden)

Im Frühling des Jahres 1943 wurde der Panzerschreck, auch Ofenrohr genannt, entwickelt. Seitens der deutschen Rüstungsindustrie hatte man durch Studien der amerikanischen Bazooka, von der einige Exemplare erstmals in Tunesien erbeutet wurden, wichtige Erkenntnisse über eine mehrschüssige Panzerabwehrwaffe erhalten. Da die herkömmlichen Panzerfäuste Probleme damit hatten, die meist gut gepanzerten Panzer des Typs T-34 zu durchdringen, musste eine stärkere Panzerabwehrwaffe geschaffen werden. Sie sollte die bisherigen Panzerfäuste 30klein, 30, 60, 100 und 150 ablösen, aber durch das massive Eindringen der Alliierten wurde die normale Panzerfaust ebenfalls beibehalten.
Wie auch schon die amerikanische Bazooka hatte der Panzerschreck einen Hohlladungssprengkopf. Im Gegensatz zum amerikanischen Kaliber von 60 mm mit einer 0,23 kg schweren Hohlladung, hatte die Raketenpanzerbüchse Panzerschreck aber von vornherein eine stärkere raketengetriebene Granate in Kaliber 88 mm. Die hohe Durchschlagskraft der Panzerfaust beruhte auf der Hohlladung, die sich im Sprengkopf befand. Die Hohlladung war schon im Ende des 18. Jahrhunderts bekannt, aber militärisch wurde sie erstmals am 10.5.1940 bei der Eroberung des Forts Eben Emael von deutscher Seite aus eingesetzt. Die Effektivität einer Hohlladung liegt darin, dass sie weder von der Auftreffgeschwindigkeit oder der Schussweite abhängig ist und dadurch eine ideale Angriffswaffe gegen gepanzerte Ziele ist. Die Durchschlagskraft ist wiederum von der Art des Hohlkegels und des verwendeten Sprengstoffes abhängig. Der entscheidende Nachteil auf die Durchschlagskraft ist der Drall der durch die Zentrifugalkraft ausgelöst wird. Dadurch eiert die Hohlladung auf das Ziel und der Energiestrahl ist deswegen nicht mehr so durchschlagkräftig, da sich die Energie auf einer grösseren Fläche verteilen kann. Dieses Problem wurde beim Panzerschreck durch ein stabilisierendes Ringleitwerk gelöst.



Ein Hohlladungssprengkopf besteht aus einem hohlen mit Sprengstoff gefüllten Kegel. Die Spitze ist mit einer hohlen Kappe bedeckt, die zum Schutz des Sprengmittels dient und dieses bei einer Detonation auch zündet.

Beim Aufprall auf das Ziel wird der Sprengstoff gezündet und die Explosion wird durch die Trichterform zu einer resultierenden Kraft gebündelt, die in Richtung der zu durchschlagenden Panzerung zeigt. Die vektorielle Addition der einzelnen Sprengkräfte im Hohlladungskegel führt somit zu einem auf einen Punkt konzentrierten Energiestrahl aus Explosionsgasen. Mit einer Geschwindigkeit von etwa 8.000 m/s beziehungsweise einem Druck von mehr als 10 Millionen kg/cm² schießt dieser Jet auf die Panzerung.

Das Metall wird durch die enorme Hitze von über 8.000° Celsius sofort geschmolzen oder verdampft gar. Die hohe kinetische Energie des Jets beschleunigt nun auch diese Partikel und es entsteht ein Plasmastrahl, der weitere Schäden anrichtet. Dieser Effekt kann durch einen im Hohlladungsgsprengkopf angebrachten Metallstab noch verstärkt werden.

Technik

Der Panzerschreck 54 (88 mm) war 9,5 kg schwer und bestand aus folgenden Teilen: Abschussrohr mit Schutzkranz, im Kaliber 88 mm und mit einer Rohrlänge von 1.640 mm, Abschussvorrichtung, Zielvorrichtung, Schulterstütze und Stossgenerator.
Die elektrische Abschussvorrichtung war mit dem Stossgenerator, der am hinteren Ende des Rohres befestigt war, elektronisch verbunden. Die Vorrichtung wurde von einer Batterie unterstützt und mittels der Abschussvorrichtung konnte dann der Stossgenerator zum Abfeuern der Granate benutzt werden: Beim Betätigen des elektrischen Abzuges wurde im Stossgenerator ein magnetischer Stahlstift freigegeben, der wiederum durch eine Feder in eine Spulenwicklung gedrückt wurde. Der dadurch erzeugte Induktionsstrom zündete die Treibladung der Hohlladungsraketengranate. Die Granate des Typs Raketenpanzerbüchsengranate RPzB.Gr. 4322 war 3.25 kg schwer und trug ein Ringleitwerk als Stabilisator. Sie erreichte nach dem Abschuss eine Geschwindigkeit von 105 m/s sowie eine effektive Reichweite von 150 m und hatte eine Durchschlagskraft von 160 mm. Der Gefechtskopf der Granate bestand aus der Hohlladung und dem Aufschlagszünder. Im hinteren Teil der Granate befand sich die Brennkammer in der die Treibladung untergebracht war.
Die ersten Versionen des Panzerschrecks hatten noch kein Schutzschild und der Schütze musste sich durch eine filterlose Maske und einem feuerfesten Poncho schützen, da der Feuerstrahl der Raketengranate nach dem Verlassen des Rohres auf eine Entfernung von 2 bis 2,5 m schlimme Verbrennungen zufügen konnte. Auch der Bereich hinter dem Rohr war sehr gefährlich, da auch da ein Feuerstrahl von circa 3 m entstand. Später wurde für den Panzerschreck 54 ein Schutzschild mit Sichtfenster entwickelt, das die Maße 36 x 47 cm hatte, und dann ein Gesamtgewicht des Panzerschrecks von 11,00 kg bewirkte. Dadurch wurde die Handhabung und Bedienung der Waffe zum einen verbessert und zum anderen wurde die Verletzungsgefahr des Schützen gemindert. Der Panzerschreck 54/1 war eine Verbesserung des Panzerschrecks 54. Dabei wurde die Länge des Abschussrohres auf 1.350 mm verkürzt und die vorhandene Zieleinrichtung wurde ebenfalls verbessert. Der Panzerschreck 54 (100 mm) war eine Sonderversion des Heeres, die bevorzugt an Schützenpanzern, Kübelwagen oder anderen Panzerjägern montiert wurde. Die Version hatte ein 2 m langes Abschussrohr mit einem Kaliber von 100 mm und war 13.6 kg schwer.




Einsatz

Zum Bedienen des Panzerschrecks wurden zwei Soldaten benötigt, wobei der erste als Richtschütze fungierte, während der andere der Ladeschütze war. Drei Panzerschreckeinheiten waren wiederum ein Trupp und zwei Trupps ergaben eine Panzer-Zerstörungsgruppe. Dies war von Nöten, da diese Einheiten sich auch gegenseitig Feuerschutz und Deckung geben mussten. Die Waffe wurde im nicht geladenen Zustand zum Einsatzort transportiert und erst dort geladen. Der Richtschütze hatte die Aufgabe den Panzerschreck zu tragen und übernahm das Zielen und Abfeuern der Waffe. Der Ladeschütze transportierte die Munition und war für das Nachladen der Raketenpanzerbüchse verantwortlich. Das Laden ging sehr einfach und schnell, was wiederum eine schnelle Schussfolge ergab, wenn das Team gut zusammen arbeitete. Der Ladeschütze führte die Granate von hinten in das Abschussrohr und verband die Granate mit der elektrischen Abschussvorrichtung. Danach ging der Ladeschütze in Deckung und gab dem Richtschütze ein Zeichen, der wiederum das Ziel anvisierte und dann feuerte.




Fliegerschreckgranate

Diese Granatenversion für den Panzerschreck 54 (88 mm) wurde von der Firma Rheinmetall und der DWM (Deutsche Waffen- und Munitionswerke) entwickelt. Denn die Infanterieeinheiten waren bis dahin kaum in der Lage die massiven Tieffliegerangriffe der Alliierten am Ende des Krieges abzuwehren. Das Prinzip der Fliegerschreckgranate ist der Schrotflinte sehr ähnlich: Man erzielt durch eine sehr hohe Feuerdichte eine höhere Trefferchance. Da nämlich die meisten Flugzeuge die Treibstofftanks in den Flügeln hatten, kam man auf die Idee diese einfach in Brand zu schiessen. Darum wurde ein 174 mm langer und 88 mm breiter Sprengkopf entwickelt, der eine Hohlladung aus Nitropenta trug, auf die mit einer Pappzwischenscheibe 144 Brandsplitter, die mit 1,4 g Phosphor gefüllt waren, in drei Lagen aufgesetzt wurden. Der neue Kopf konnte auf den Treibsatz der herkömmlichen Panzerschreck-Munition einfach aufgeschraubt werden. Zum Visieren wurde ein spezielles Kreiskorn verwendet, das auf 320 m Entfernung einer Flügelspannweite von 12 m entsprach. Ein guter Durchschnittswert, wenn man bedenkt, dass beispielsweise die P-51 Mustang 11,28 m und die P-47 Thunderbolt 12,42 m Spannweite hatten. Im Einsatz, wäre der Fliegerschreck aus 320 m Entfernung in Richtung des anfliegenden Flugzeuges abgeschossen worden. Eine Sekunde nach dem Abschuss hätte die Hohlladung gezündet und in 0,25 Sekunden hätten die Brandsplitter einen Kegel von 30 m Durchmesser gebildet, in den die gegnerische Maschine direkt hineingeflogen wäre. Die Auftreffgeschwindigkeit eines Brandsplitters hätte etwa 600 m/s betragen, was bei einem Brandsplittergewicht von 6 g einer Aufschlagsenergie von ungefähr 1.100 Joule entspräche. Diese Energie hätte ausgereicht, um die Treibstofftanks zu durchschlagen. Der Brandsplitter hätte dann den Treibstoff in Brand gesetzt. Dieser Vorgang ist aber reine Theorie, denn die bis Mitte Januar 1945 entwickelte Waffe wurde nicht mehr eingesetzt.



Der Panzerschreck 54 (100 mm) wurde unter anderem auch auf erbeutete britische Schützenpanzer Bren montiert und unter der Bezeichnung Panzerjäger Bren (e) hauptsächlich an der Ostfront eingesetzt.

Bezeichnung der Waffe: Panzerschreck 54 (88 mm)
Hersteller: Enzinger Union in Pfeddersheim,
Gebrüder Scheffler in Berlin,
HASAG in Meuselwitz,
Jäckel in Freistadt,
Fa. Kronprinz in Solingen,
Fa. Schricker in Fürth-Vach.
Länge: 1.640 mm
Gewicht: 9,50 kg,
11,00 kg mit Schutzschild;
Granate 3,25 kg
Kaliber: 88 mm
Anfangsgeschwindigkeit: 105 m/s
effektive Schussweite: 100 bis 200 m
Stückpreis: 70 RM
Produktionszahlen Raketenpanzerbüchse
(bis Dezember 1944 RPzB 54, danach RPzB 54/1):
1943 50.835
1944 238.316
1945 25.744 (Januar bis März)
Gesamt 314.895
Produktionszahlen Raketenpanzerbüchsengranaten: 1943 173.000
1944 1.805.400
1945 240.000
Gesamt 2.218.400



 

Text by Tank, UncleK, Bumrush. Letztes Update:  7. September 2007