AT-3 "Sagger"

9M14 Maljutka


AT-3B: Gut zu sehen die auf dem Deckel der Transportkiste montierte Startschiene.

Panzerabwehrlenkflugkörper (PALR o. ATGM - Anti Tank Guided Missile) wurden bereits zu Ende des Zweiten Weltkrieges entwickelt. X-7 "Rotkäppchen" hieß das zwar zur Serienreife gebrachte, aber nie eingesetzte Projekt auf deutscher Seite. 1965, während des zweiten Kaschmirkrieges zwischen Indien und Pakistan, wurden PALR zum ersten mal eingesetzt. Die Erfolge der pakistanischen Panzerjäger waren nahezu nicht nennenswert. 1967, während des Sechs-Tage Krieges, kamen zwar PALR zum Einsatz, gingen aber in der Dynamik des Krieges unter.
Dies änderte sich erst 1973 während des Yom-Kippur-Krieges (Yom-Kippur = jüdisches Versöhnungsfest). Ägyptische und syrische Panzervernichtungstrupps, ausgerüstet mit der 9K11 Maljutka ("Die Kleine", eine Anspielung auf die größere 3M6 "Schhmel")/ AT-3 "Sagger" und der RPG-7 Panzerbüchse, hatten einen großen Anteil daran die Gegenoffensiven der israelischen Streitkräfte auf dem Golan und der Sinai-Halbinsel in den ersten Tagen des Krieges aufzuhalten. Die Effektivität dieses Flugkörpers schockte die NATO-Führung, man sah sich auf einem zukünftigen Schlachtfeld einer neuen Bedrohung gegenüberstehen.
Die 9M14 Maljutka / AT-3 "Sagger", 1961 entwickelt, wurde 1963 in die sowjetischen Streitkräfte eingeführt und auf der 1.Mai Parade 1965, auf dem Roten Platz in Moskau, zum ersten mal der Öffentlichkeit vorgeführt. Sie sollte die 3M6 "Schmel" ("Hummel") / AT-1 "Snapper" ersetzen. Sie wurde in mehr als 45 Ländern eingeführt und kann vom abgesessenen Soldaten, von Fahrzeugen und Hubschraubern eingesetzt werden.



Technik

Das Maljutka-System besteht aus:

 

  • einer als 9P111 bezeichneten Transportbox aus glasfaserverstärktem Kunststoff, welche auch als Startgerät dient, 
  •  einer Periskopvisierung 9Sh16 mit 8-facher Vergrößerung und einem Sichtfeld von 22°, mit der Ziele auf einer Entfernung von bis zu 4000 m erfasst werden können,
  • einer Kontrolleinheit mit Steuerungsjoystick, welche über einen Draht mit dem Flugkörper verbunden ist, und für den Flugkörper AT-3, AT-3A als 9S415, für die AT-3B als 9S415M und für die AT-3C als 9S415M1 bezeichnet wird, und einem
  • Flugkörper 9K11 / AT-3A "SAGGER", 9K11M / AT-3B, 9K11P1 oder dem neuen 9K11-2 / AT-3D.

 

Die ersten Flugkörper, AT-3, AT-3A und AT-B, waren MCLOS-gelenkt (MCLOS - Manuel Command Line of Sight - Manuelle Visierlinienlenkung). Dabei wird der Flugkörper vom Schützen in das Ziel gelenkt. Der Schütze verfolgt anhand des Antriebes den Flugkörper durch die Optik und steuert ihn, mit Hilfe des Steuerungsjoystick, ins Ziel, das der Schütze ebenfalls im Auge behalten muss. 
Da die MCLOS-Lenkung ein umfassendes Training und dauerhafte Praxis benötigt, wurde sie ab der AT-3C durch das SACLOS-Lenksystem (Semi Automatic Command Line of Sight - Halbautomatische Visierlinienlenkung) ersetzt. Beim SACLOS-Lenkverfahren hält der Schütze das Fadenkreuz der Zieloptik auf dem Ziel. Parallel zur Zieloptik ist ein Goniometer (Winkelmesser) oder ein IR-Winkelmesser montiert. Anhand einer Infrarotglühbirne am Heck des Flugkörpers misst das Goniometer die Abweichung des Flugweges der Rakete vom Flugweg zum eigentlichen Ziel. Diese Abweichung wird von einem Rechner in Steuerkommandos übertragen und per Draht an den Flugkörper zur Korrektur der Flugbahn gesendet.
Die Flugkörper müssen nach dem Abschuss, vom  Schützen bzw. der Steuereinheit "eingefangen" werden. Daraus resultiert die niedrige Fluggeschwindigkeit und die Mindestreichweite von 500 m.

 

Die Flugkörper AT-3, AT-3A und AT-3B waren Panzerabwehrlenkflugkörper der ersten Generation, die SACLOS-gelenkte AT-3C diente als Lückenfüller in der Roten Armee, bis die PALR 9K113 Konkurs / AT-5 "Spandrel" und 9K114 Turm / AT-6 "Spiral" in ausreichender Anzahl in Dienst gestellt waren und ist heute außer Dienst gestellt. Jeder ältere AT-3 Flugkörper kann zum AT-3D / Maljutka-2 umgebaut werden. Dazu müssen nur Gefechtskopf und Antriebsteile ausgetauscht werden.


Die Kontrolleinheit kann bei allen AT-3 bis zu 15 m vom eigentlichen Flugkörper entfernt aufgebaut werden, mit ihr wird der Flugkörper bis ins Ziel gesteuert. An eine Kontrolleinheit können bis zu drei Flugkörper angeschlossen werden, die im Abstand von 30 sec nacheinander abgeschossen werden können. Bei den MCLOS-gesteuerten Flugkörpern erfolgt die Lenkung durch einen vom Schützen bedienten Joystick. Bei den SACLOS-gelenkten AT-3 entfällt dieser Joystick und der Flugkörper wird mit Hilfe eines Lenkblocks in Ziel gesteuert. Der Lenkblock enthält eine Zieloptik, deren Fadenkreuz für den ganzen Flugweg der Rakete auf das Ziel gehalten werden muss. Ein eingebautes Goniometer bzw. ein IR-Winkelmesser stellt Abweichungen des Flugweges der Rakete von der Ziellinie fest. Diese Abweichungen werden automatisch in einen Rechner eingegeben, der sie in Lenkkommandos für den Flugkörper umwandelt und diese an ihn weitergibt. Für Schüsse auf Entfernungen unter 1.000 m, wird bei den MCLOS-gelenkten Version keine Zieloptik verwendet. Neuere Flugkörper können auch von älteren Startgeräten aus eingesetzt werden, dann können sie aber nur MCLOS-gesteuert werden.


Für den Nachtkampf kann das AT-3 System mit dem slowenischen Iskra TS-M Wärmebildgerät ausgerüstet werden. Damit ist es möglich, ein Ziel auf 3.000 m zu erkennen und es auf 1.800 m Entfernung zu identifizieren. Der Transportbehälter 9P111 besitzt mehrere Funktionen. Er dient zum Transport des in Gefechtskopf und Antriebseinheit zerlegten Flugkörpers, wobei sich beide Einzelteile schnell wieder zusammenfügen lassen. Alternativ lassen sich mit dem Behälter auch die Steuer- und Kontrolleinheiten transportieren. Letztendlich bildet er die Startplattform zum Abschuss des Flugkörpers. Dazu wird der Flugkörper auf eine vorher auf den Deckel zu montierende Startschiene gesetzt. Die Startschiene hat einen Höhenrichtbereich von -5° bis +10°. Dieser muss bei der Montage eingestellt werden.



Einsatz

Ein abgesessener "Sagger" Trupp besteht aus drei Soldaten, der erste trägt die Kontrolleinheit und die Optik im Transportbehälter, die anderen Soldaten je einen zerlegten Flugkörper in der 9P111. Der komplette Aufbau eines Maljutka-Komplexes dauert etwa 1,4 bis 2 Minuten. Zum Start eines Flugkörpers drückt der Schütze auf einen am Steuerpult befindlichen Knopf, woraufhin der Flugkörper gestartet wird. Bei einem MCLOS-gelenkten Flugkörper schaut er dabei durch das auf dem Kontrollpult montierte Periskop und bedient mit beiden Händen den vor dem Periskop befindlichen Joystick, um so Flugkorrekturen vornehmen zu können.
Bei den SACLOS-gelenkten Flugkörpern verstellt der Schütze das Visier mittels zwei Griffen, mit denen der Optikblock nach oben und nach unten bewegt wird, und kann so die Flugbahn des Flugkörpers ändern. Die maximale Kadenz liegt bei 2 Raketen pro Minute.
Der AT-3 kann auch von Fahrzeugen und Hubschraubern aus eingesetzt werden. Bei Hubschraubern ist dies jedoch problematisch, da sie aufgrund des Lenkdrahtes im Schwebeflug bleiben müssen, bis der Flugkörper das Ziel getroffen hat. Somit bietet der Hubschrauber selbst ein gutes Ziel.
Die Tabelle enthält eine ungefähre Übersicht über die Verwendbarkeit des AT-3 Flugkörpers auf Fahrzeugen und Hubschraubern:



Fahrzeug Flugkörper Feuerbereit Reserve
Bodengestützt      
BMP-1 AT-3 1 4
Type 86 HJ-73 1 4
BMD-1 AT-3 1 4
Jeep AT-3 4 -
Skot AT-3 2 -
BRDM-1 AT-3 6 8
BRDM-2 AT-3A/B(9P122) / AT-3C (9P133) 6 8
Luftgestützt      
SA 341H Gazelle AT-3 4  
Alouette III AT-3 4  
IAR-317 Airfox AT-3 6  
SA-330 Puma AT-3 4  
Mi-2URP Hoplite AT-3C 4 4
Mi-8 Hip-F AT-3 6  
Mi-17 Hip-H AT-3C 6  
Mi-24 Hind AT-3 4  

So wurde ein AT-3 Flugkörper gesteuert.

Varianten und Kopien

 POLK

Bei der slowenischen POLK, handelt es sich um eine verbesserte Version des Malytka-Komplexes und des Flugkörpers AT-3B.
Das System erhielt ein neues Startgerät sowie ein verbessertes Steuerpult mit Fernglaszielgerät, die auch für den nachfolgenden AT-3C verwendet wurden
Der nun 120m/s schnelle Flugkörper erreicht seine maximale Reichweite von 3000 m in 25 sec, im Vergleich zu 26 sec des AT-3A/B/C. Der Antrieb erzeugt weniger Rauch und die Nase ist, im Vergleich zum AT-3C, anders geformt. Die Durchschlagskraft des Hohlladungsgefechtskopfes wurde um 60mm im Vergleich zur AT-3C bzw. 120 mm im Vergleich zur AT-3A/B gesteigert. 
Der Flugkörper ist MCLOS-gesteuert.
Die Verbesserungen des Flugkörpers wurden in den AT-3C Imp (improved - verbessert) übernommen.

 

 Maljutka-HE

Da die normale AT-3 sich aufgrund des Gefechtskopfes fast ausschließlich zur Bekämpfung gepanzerter Fahrzeuge eignet und der letale Wirkradius eines  Hohlladungsgefechtskopf ist aufgrund der Beschaffenheit des Gefechtskopfes sehr gering ist, wurde eine Version zur Bekämpfung von Weichzielen entwickelt.
Die Maljutka-HE basiert auf der Maljutka 2, jedoch wurde der 3,5kg Hohlladungsgefechtskopf gegen einen einfachen Hochexplosivgefechtskopf ausgetauscht. Damit ist eine bessere Druck- und Splitterwirkung gegeben als bei einem Hohlladungsgefechtskopf, da die Energien dort hauptsächlich nach vorne gerichtet sind.

 

 Ra´ad

Ra´ad ist eine, noch immer eingesetzte Kopie der AT-3A/B aus dem Iran.

 

 Ra´ad-T

Ra´ad-T, eine Weiterentwicklung der Ra´ad, verfügt über einen Tandem-Hohlladungsgefechtskopf zur Bekämpfung von mit ERA (Explosive Reactive Armor - reaktive Zusatzpanzerung) ausgestatteten Fahrzeugen. Die anderen Modifikationen umfassen eine bessere Manövrierfähigkeit des Flugköpers und eine verbesserte Struktur. Außerdem wurde der Transportbehälter abgeändert. 
Von einer Lenkstation können bis zu vier Flugkörper verschossen werden, wobei zum Verschuss aller vier Flugkörper etwa 120 sec benötigt werden.

 

 Kun Wu

Das taiwanesische Kun Wu ist eine Kopie des sowjetischen 9M14. Das System ist mittlerweile veraltet und außer Dienst gestellt worden.

 

 HJ-73A

Der HJ-73A, HJ - Hong Jian - Roter Pfeil, ist die chinesische Kopie der AT-3A/B und die erste Generation von Panzerabwehrlenkflugkörpern die im Land gebaut wurde.
Sie kann von abgesessenen Soldaten, wie auch von Fahrzeugen, bspw. dem Type 86 (chin. Kopie des BMP-1) oder dem WZ-504 (Wanne des Type 86, mit modifiziertem Turm ohne Bk zum Start von vier Flugkörpern) verschossen werden.

 

 HJ-73B

Der HJ-73B war der erste Gehversuch der chinesischen Volksbefreiungsarmee mit dem SACLOS-Lenksystem. Er sollte den HJ-73A ersetzen bis der modernere HJ-8, eine Kopie des MILAN-ATGM, eingeführt ist, vermutlich erreichte der HJ-73B aber niemals die Serienproduktion.
Der Flugkörper kann SACLOS- und MCLOS-gelenkt werden, die Steuerkommandos werden über einen Draht übertragen. Die Optik und das Lenksystem stammen aus China. Als weitere Neuerung verfügt der Flugkörper über einen verbesserten Gefechtskopf. Der HJ-73B kann auch von älteren Startgeräten, der HJ-73A, dann aber nur MCLOS-gelenkt, gestartet werden.

 

 HJ-73C

Der HJ-73C ist eine Weiterentwicklung des HJ-73B. Es wird nun ausschließlich das SACLOS-Lenksystem verwendet, die Steuerkommandos werden über einen Draht übertragen. Die Zieloptik, in China gebaut, ist 12-fach vergrößernd, die Steuerkorrekturen werden mit einem Goniometer ermittelt. Die meisten HJ-73 in der chinesischen Volksbefreiungsarmee sind HJ-73C, es gibt nur noch wenige HJ-73A.
Der HJ-73C kann auch von Fahrzeugen, wie dem Type 86 (chinesische Kopie des BMP-1) oder dem WZ-504 (Wanne des Type 86, mit modifiziertem Turm ohne Bk zum Start von vier Flugkörpern), eingesetzt werden.



Chinesische Kopie der AT-3, die Hong Jian-73 - hier: HJ-73A (Picture by www.sinodefence.com)

Bezeichnung des Flugkörpers: 9M14M Maljutka / Maljutka-M / AT-3/A/B 9M14P1 Maljutka-P / AT-3C 9M14-2 Maljutka 2 /AT-3D
Typ: Panzerabwehrlenkrakete Panzerabwehrlenkrakete Panzerabwehrlenkrakete
Indienststellung: 1963 n.b. 1993
Antrieb: Feststoff Feststoff Feststoff
Höchstgeschwindigkeit: 115 m/s 115 m/s 130 m/s
Reichweite: 500 - 3.000 m 500 - 3.000 m 500 - 3.000 m
Gewicht: 10.900 g 11.400 g 12.500 g
Länge: 863 mm 863 mm 1.020 mm
Durchmesser: 125 mm n.b. 119 mm
Spannweite: 303 mm n.b. n.b.
Lenksystem: MCLOS-Draht; SACLOS-Draht SACLOS-Draht
Gewicht des Sprengkopfs: 2,72 kg HEAT HEAT 3,5 kg Tandem-HEAT
Durchschlagskraft: 400 mm 520 mm 800 mm
Zünder: Kontakt Kontakt Kontakt


 

Text by Father Christmas. Letztes Update:  7. September 2007