Reising M50

(Model 50 - H.&R. Reising - Cal .45)


M50 mit 20 Schuss-Stangenmagazin. (Picture by Armament Services International, Inc. www.autoweapons.com)

Geschichte

Über die Maschinenpistolen von Eugene T. Reising ist leider relativ wenig bekannt. Der Konstrukteur begann um 1938 mit der Entwicklung und meldete die Waffe am 28. Juni 1940 zum Patent an. Sie wurde mehrmals getestet, verbessert und ab Dezember 1941 von der Harrington & Richardson Arms Corporation in Worcester, Massachusetts hergestellt. Geschäftlichen Erfolg erzielte Reising zunächst beim United States Marine Corps, welches die Waffe als Ordonnanz übernahm. Eigentlich sollte dort die Thompson M1928 A1 eingeführt werden, welche jedoch zunächst wegen Lieferproblemen kaum zur Verfügung stand. Aufträge von geringfügigem Umfang sollen ebenfalls aus der Sowjetunion, Großbritannien sowie Kanada eingegangen sein, bestätigt ist dies aber nicht. Das USMC forderte ingesamt knapp 10.000 Exemplare beider zuerst lieferbarer Modelle (M50 und M55) an, und gab damit den Anstoss für die Massenproduktion. Als die Vereinigten Staaten schließlich in den Zweiten Weltkrieg eintraten und das USMC im pazifischen Raum tätig wurde, musste sich die Waffe erstmals im Kampf bewähren.

Die Reising-Maschinenpistolen kamen zum ersten Mal mit den Marines auf Guadalcanal im August 1942 zum Einsatz, eine der ersten amerikanischen Kampfhandlungen auf dem pazifischen Kriegsschauplatz. Die komplizierte, mit geringen Toleranzen entworfene Konstruktion erschwerte den Einsatz sehr. Der Mechanismus war gegen Verschmutzung weitgehend ungeschützt, Ladehemmungen und Versager waren nicht die Ausnahme sondern die Regel. Der Sand sowie die salzhaltige Luft im Pazifik machten der Automatik schwer zu schaffen. Ein weiteres Problem waren die Magazine, bei denen das Design der Lippen sowie die Verwendung von Blech und der damit verbundenen Verbiegungen oft zu Störungen führten. Auch der Sicherungsmechanismus funktionierte nicht immer einwandfrei, schlug der Holzkolben beispielsweise gegen eine harte Oberfläche, konnte sich der Schlagbolzen lösen und eine in der Kammer befindliche Patrone zünden. Das Gehäuse aus Stahl war darüber hinaus anfällig für ausgeprägten Ansatz von Rost, und brachte der Waffe den Spitznamen »Rusting Gun« ein. Es ist ebenso überliefert, daß Marines, erbost von der Unzuverlässigkeit der Waffe, diese oft wegwarfen und sich brauchbareren Ersatz suchten. Berichte aus dieser Zeit beklagen auch oft die hohe Verwechselungsgefahr, der Klang soll stark dem japanischer automatischer Waffen geähnelt haben.

Die offensichtlichen Mängel führten zur ständigen Beseitigung der Waffen aus dem aktiven Dienst. Sie wurden nach und nach von Thompson-Maschinenpistolen M1928 A1, M1 und M1 A1 ersetzt, welche wiederum später durch die neu eingeführten M3 und M3 A1 (»Grease Gun«) ergänzt wurden. Die Waffe wurde nicht sofort aus dem Dienst genommen, da kaum Ersatz zur Verfügung stand. Erst nach einer längeren Zeit konnten alle Waffen aus dem Einsatz an der Front entfernt werden, wurden aber soweit wie möglich noch bei wenig "schmutzigeren" Aufgaben eingesetzt, z.B. bei der Bewachung von Kriegsgefangenen oder anderen Diensten in der Heimat. Schließlich machte das USMC die Anschaffung nicht umsonst um danach alle Waffen wegzuwerfen. Während und nach dem Krieg fanden viele Reising-Maschinenpistolen weitere Verwendung in örtlichen amerikanischen Polizeidienststellen und bei der Coast Guard Beach Patrol. Dort lagern sie teilweise noch heute in den Waffenkammern. Eine interessante Tatsache ist, dass sogar die deutsche Wehrmacht im Krieg Reising-Maschinenpistolen erbeutete. Das Heereswaffenamt versah diese mit den Kennungen "Maschinenpistole 762(r)" (Russland) und "Maschinenpistole 762(a)" (Amerika), was den Einsatz in der Sowjetunion über Lend & Lease deutlich werden lässt. Unbestätige Angaben sprechen sogar vom Einsatz der Waffe auf deutscher Seite, doch dies bleibt im Bereich der Spekulation.

Harrington & Richardson hatte nach 1942 keinen weiteren Erfolg mit den Maschinenpistolen von Eugene T. Reising. Lediglich während und nach dem Krieg konnte mit dem M65 (Model 65 - H.& R. Reising - .22 Cal) und danach mit dem MC-58 (U.S. Model MC-58, H.& R. Model #65 Modified oder USMC Property, Model MC-58, H.& R. Model #65 Modified) beim USMC Absatz erzielt werden. Beide waren als halbautomatische Gewehre für Trainingszwecke in .22 LR hergerichtet, und haben, abgesehen vom gemeinsamen Konstrukteur, grundsätzlich nichts mit den Maschinenpistolen zu tun. Das M65 wurde noch während des Zweiten Weltkriegs um 1943 als Waffe zur Simulation des M1 Garand eingeführt, später dann das MC-58 als ebenso gleichwertige Waffe zur Simulation des damals neu eingeführten M14. Beide Waffen haben jeweils mit den simulierten echten Waffen identische Sicherungen, Gewicht, Visiereinrichtung und Abzug, um eine möglichst realistische Ausbildung zu ermöglichen, jedoch im Kaliber .22 Long Rifle. Insgesamt soll das USMC etwa 6.000 des M65 und etwa 3.500 Exemplare des MC-58 erworben haben. Eine Variante des M65, welche »M165 Leatherneck« (Model 165, .22 Cal Long Rifle Only) genannt wird, erschien kurz nach dem Zweiten Weltkrieg, und brachte geringe Erfolge auf dem zivilen Markt. Die Maschinenpistolen erzielen jedoch heute einen recht hohen Preis von mehr als 4.000 Dollar, die seltenere Variante M55 sogar 8.000 Dollar und mehr. Dazu erhältlich ist oft ein 30 Schuss-Stangenmagazin, welches aber erst später im zivilen Bereich verwendet wurde. Die Gewehre sind nicht weniger unter Sammlern beliebt.



Technik

Harrington & Richardson lieferte drei Modelle der Maschinenpistole. Das Erste, Model 50 genannt, verfügt über einen Holzkolben, der über die gesamte Länge der Waffe reicht. Am Laufende ist ein Mündungskompensator angebracht, er lenkt die Mündungsgase direkt hinter dem Geschoss durch sechs Schlitze nach oben und wirkt so dem Hochschlag und Rückstoss der Waffe entgegen. Ebenso wie bei der Maschinenpistole von John. T. Thompson stammt der Mündungskompensator von Richard M. Cutts. Die Munition wird aus einem 12 oder 20 Schuss fassenden Stangenmagazin verschossen. Beide Magazine sind von identischer Länge, jedoch ist die 12 Schuss fassende Variante an den Seiten eingedrückt, um nur eine Reihe an Patronen zu ermöglichen. Das Zweite Modell, Model 55 genannt, ist weitgehend identisch mit der M50, jedoch leichter. Es verfügt über eine abklappbare Schulterstütze aus Profildraht und einige Änderungen am Gehäuse sowie am Lauf. Die Feuergeschwindigkeit wurde außerdem heruntergesetzt. Das letzte, Model 60 genannte Modell ist ein halbautomatischer Selbstladekarabiner mit weiteren Änderungen. Wieviele Exemplare von jeder Variante hergestellt wurden ist unbekannt. Insgesamt wird von einer Produktion von etwa 100.000 Stück aller Varianten ausgegangen, die jedoch unrealistisch erscheint. Wie auf den abgebildeten Fotografien sehr gut ersichtlich wurden bei der Herstellung oft unterschiedliche Oberflächenbehandlungen angewandt.

Alle Varianten funktionieren nach dem gleichen Prinzip. Sie sind aufschießende Waffen mit verriegeltem Verschluss und verzögertem Rücklauf. Das durch eine Schliessfeder angetriebene zylindrische Schlagstück stößt den beweglichen Schlagbolzen nach vorn. Beim Zünden der Patrone befindet sich der hintere Teil des Verschlusses fest in einer oben gelegenen Aussparung des Gehäuses. Nach der Zündung entriegelt er und gleitet verzögert zurück, bevor er sich erneut unter dem Druck der Schliessfeder nach vorn in seine Ausgangsstellung bewegt. Dadurch ist die Feuergeschwindigkeit gering und die Waffe relativ treffgenau, da sich vor der Schussabgabe keine Teile in der Waffe bewegen, wie es z.B. bei der Thompson M1928 A1 der Fall ist. Der Spannvorgang ist ebenso ungewöhnlich wie die Konstruktion an sich. Aus der Sicht des Schützen befindet sich vor dem Magazinschacht ein Knopf, öfters auch als Fingerhebel bezeichnet. Der Schütze arretiert dadurch mit Fingerdruck das Schlagstück. Einen klassischen Spannhebel wie bei anderen Maschinenpistolen gibt es nicht. Die Sicherung (SAFE.) befindet sich auf der rechten Seite über dem Abzug, über diesen wird ebenfalls zwischen Einzel- (SA.) oder Dauerfeuer (FA.) gewählt.



Das Gehäuse in einer detailierten Ansicht. Der Fingerhebel ist gut zu erkennen. (Picture by Armament Services International, Inc. www.autoweapons.com)

Der Lauf, Korn und Mündungskompensator im Detail. (Picture by Armament Services International, Inc. www.autoweapons.com)

Die Stempelung an der oberen Seite der Waffe. (Picture by Armament Services International, Inc. www.autoweapons.com)

M50 mit 20 Schuss-Stangenmagazin. (Picture by Armament Services International, Inc. www.autoweapons.com)

Varianten

  • Model 50 (Model 50 - H.&R. Reising - Cal .45): Beschreibung & Geschichte siehe oben.
  • Model 55 (Model 55 - H.&R. Reising - Cal .45): Diese Version ist weitgehend identisch mit der M50, außer das an Stelle des Holzkolbens eine klappbare Schulterstütze aus Profildraht an der linken Seite des Gehäuses angebracht ist, die nicht sehr stabil wirkt. Sie wird im einklappten Zustand am vorderen Ende des Schaftes arretiert. Das Gelenk der Stütze befindet sich direkt über dem Abzug, am Boden des Pistolengriffs ist zusätzlich eine Riemenöse angebracht. Die Lauflänge unterscheidet sich ebenfalls, die Anzahl der Kühlrippen wurde verringert, die Waffe ohne Mündungskompensator hergestellt und die Feuergeschwindigkeit auf 500 Schuss/min heruntergesetzt. Die M55 wurde speziell für Fallschirmjäger hergestellt.
  • Model 60 (Model 60 - H.&R. Reising - Cal .45): Halbautomatische Version der M50 mit verlängerten Lauf von 18 ¼ Zoll. Produziert von 1941 - 1946. Dazu erhältich war das oben genannte 20 Schuss oder ein neues 12 Schuss Stangenmagazin. Der Lauf verfügt über keine Kühlrippen und keinen Mündungskompensator. Die Waffe wurde ebenfalls von Harrington & Richardson Arms Co. für den sogenannten zivilen Markt hergestellt. Wahrscheinlich keine militärische Verwendung. Sie ist eher ein Selbstladekarabiner als eine Maschinenpistole.

M55 mit 12 Schuss-Stangenmagazin - rechte Seite. (Picture by Armament Services International, Inc. www.autoweapons.com)

M55 mit 12 Schuss-Stangenmagazin - linke Seite. (Picture by Armament Services International, Inc. www.autoweapons.com)

M55, Schulterstütze angeklappt - rechte Seite. (Picture by Armament Services International, Inc. www.autoweapons.com)

M55, Schulterstütze angeklappt - linke Seite. (Picture by Armament Services International, Inc. www.autoweapons.com)

Bezeichnung der Waffe: Model 50 Model 55
Hersteller: Harrington & Richardson Arms Corporation, Worcester, Massachusetts Harrington & Richardson Arms Corporation, Worcester, Massachusetts
Herkunftsland: United States of America United States of America
Verschlusssystem: Verzögerter Masseverschluss Verzögerter Masseverschluss
Kaliber: .45 ACP (11,43 x 23 mm) .45 ACP (11,43 x 23 mm)
Länge: 1080 mm 794 mm
Gewicht ohne Magazin: 3,06 kg 2,83 kg
Lauflänge: 279 mm 267 mm
Zahl der Züge, Drall: 6, rechts 6, rechts
Mündungsgeschwindigkeit: ca. 280 m/s ca. 280 m/s
Feuerrate theoretisch: 550 Schuss/min 500 Schuss/min
Schussweite effektiv: ~ 100 m ~ 100 m
Schussweite maximal: ~ 300 m ~ 300 m
Visierschussweite: 300 Yard (274,32 m) 300 Yard (274,32 m)
Magazinkapazität: 20 Schuss Stangenmagazin
12 Schuss Stangenmagazin
20 Schuss Stangenmagazin
12 Schuss Stangenmagazin

Das 20 Schuss-Stangenmagazin mit Stempelung in der Vorderansicht. (Picture by Armament Services International, Inc. www.autoweapons.com)

(Picture by Armament Services International, Inc. www.autoweapons.com)

Ein 12 Schuss-Stangenmagazin mit anderer Oberflächenbehandlung. (Picture by Armament Services International, Inc. www.autoweapons.com)

(Picture by Armament Services International, Inc. www.autoweapons.com)


Weiterführende Literatur/Links

Frank Iannamico, The Reising Submachine Gun Story, Moose Lake Publishing, 1999 Reiner Lidschun & Günther Wollert, Infanteriewaffen gestern, Brandenburgisches Verlagshaus



 

Text by Raymond, Korrektur: Panzermann, Praetorian. Letztes Update:  7. September 2007