Dünkirchen, der 4. Juni 1940: Frankreich ist überrannt, wieder einmal ist die Wehrmacht in einem Blitzkrieg erfolgreich gewesen. Das britische Expeditionskorps, das eigentlich den Franzosen und Belgiern helfen sollte die Wehrmacht zu stoppen, wurde nur durch den Halt-Befehl Hitlers vor der vollständigen Gefangenschaft bewahrt. In waghalsigen Aktionen hatte die Royal Navy es geschafft, den Großteil ihrer erfahrenen Truppen und auch einige Kontingente ihrer französischen Verbündeten vom Kontinent zu evakuieren, aber der größte Teil der englischen Ausrüstung war unwiederbringlich der Wehrmacht in die Hände gefallen. Unter diesem äußerst ungünstigen Vorzeichen widmete dann plötzlich die britische Armeeführung einer Waffenart Aufmerksamkeit, die mehr als zweieinhalb Jahrzehnte lang für britische Soldaten völlig indiskutabel war: Der Maschinenpistole. Diese Ablehnung lag in der britischen Offiziersmentalität, die besagte Maschinenpistolen seien "billiges", ungenaues Spielzeug, genau richtig für Sicherungstruppen oder Milizen; der britische Soldat, als gut ausgebildeter Schütze, habe "etwas Besseres" verdient als diese Waffen. Allerdings musste die Generalität bei der Analyse der Gefechte mit der Wehrmacht feststellen, dass auch die deutschen Landser gut ausgebildete Soldaten waren und dass vor allem die deutsche MPi 38 in den Gefechten des Blitzkriegs mitunter eine entscheidende Rolle gespielt hatte. Somit stand der Einführung von Maschinenpistolen in der britischen Armee nun nichts mehr im Wege. Aus Amerika wurden damals Modelle der Thompson-MPi 1928 beschafft und die Sterling Armaments Company ließ eine Maschinenpistole namens Lanchaster auf Basis der MPi 38 entwickeln. Da aber beide Waffen auf Friedensproduktion ausgelegt waren (viele sorgfältig zu bearbeitende Teile, polierte Echtholzschäfte usw.), wurde der Ruf nach einer schnell und günstig herzustellenden Waffe immer lauter. Die Konstrukteure Major Shepard und Mr. Turpin der Royal Small Arms Factory in Enfield entwickelten schließlich eine Waffe, die diesen Vorgaben entsprach, und benannten sie nach den Anfangsbuchstaben ihrer Nachnamen und dem Herstellungsort der MPi: Sten. Gerade für die sehr auf Stil und Etikette bedachten höheren Offiziere der Briten war diese Waffe geradezu ein Schlag ins Gesicht: Eine Waffe aus Blechstanzteilen, Stahlrohr und mit Schweißnähten versehen, welch Schande für das stolze British Empire! So dachten viele, und die Kritiker dieser Waffe bezeichneten die Sten als "die hässlichste Waffe der Welt". Allerdings musste man eines berücksichtigen: So furchtbar diese Waffe auch aussah, sie funktionierte, war billig und schnell herzustellen (für den Preis einer MPi 1928 bekam man 6 Sten), und sie war verfügbar, da die britischen Streitkräfte zu diesem Zeitpunkt (21. Januar 1941) jede Waffe brauchen konnten, egal ob hässlich oder nicht. Die ursprüngliche Ausführung der Sten, die Mk I, verfügte noch über einen Holzschaft, einen hölzernen Handschutz und einen Mündungsfeuerdämpfer. Bereits ab Ende 1941 wurde die Produktion durch Wegfall dieser Komponenten noch mehr vereinfacht, und die "klassische" Sten war geboren. Diese Waffe erinnerte in keinster Weise an ein klassisches Gewehr oder eine gut verarbeitete MPi wie etwa die Thompson-MPi 1928. Ihr sechszügiger Lauf steckte in einem rohrförmigen Blechgehäuse, das im vorderen Teil die Funktion des Kühlmantels hatte und im hinteren Teil den unverriegelten Masseverschluss beinhaltete. Die Schulterstütze bestand aus einer einfachen Metallstrebe, an der eine Platte zum Einziehen der Waffe in die Schulter angebracht war. Trotz des äußerst billigen und zerbrechlichen Aussehens war die Sten eine gut durchdachte Konstruktion, die noch dazu bei richtiger Pflege tadellos funktionierte.
Nun ein paar Worte zur Technik der Waffe: Die Sten ist ein Rückstoßlader mit unverriegeltem und gefederten Masseverschluss, der aus offener Verschlussstellung zuschießt. Im Klartext bedeutet dies folgendes: Wenn ein Soldat die Sten abfeuern wollte, hatte er wie folgt vorzugehen: Er spannte die Waffe, indem er den an der rechten Seite angebrachten, fest mit dem Verschluss verbundenen Spannhebel (siehe Bild der Sten Mk. III) durchzog. Dadurch war die Waffe gespannt; konnte allerdings auch (aufgrund der durch Konstruktionsvereinfachung weggelassenen Sicherung) nicht gesichert werden, so dass sich beim Herunterfallen leicht ein Schuss lösen konnte. Zog er nun den Abzug durch, drückte die Verschlussfeder den Verschluss nach vorne, führte dabei eine Patrone aus dem Magazin ein, zündete diese und glitt, nachdem der Druck der Verbrennungsgase den Gegendruck der Verschlussfeder überwunden hatte, wieder in die Ausgangsstellung zurück. Hatte der Schütze nun am Feuerwahlknopf am Abzug Einzelfeuer eingestellt, so wurde der Verschluss in der hinteren Stellung gefangen, hatte er Dauerfeuer eingestellt, wiederholte sich der ganze Zyklus. Erwähnenswert wären noch die beiden schallgedämpften Versionen, die Mk. IIs und die Mk. VIs, die beide an die Commandos gingen. Die IIs war eine schallgedämpfte Version der normalen Mk II, die Mk VIs ähnelte der Mk. V. Beide verschossen die Standardmunition, allerdings nur im Einzelfeuer. Der Schalldämpfer bestand aus einem modifizierten Laufmantel, in dem entweder Metall- oder Gummischeiben den Geschossknall dämpften. Trotz der verringerten Feuergeschwindigkeit musste der Schalldämpfer recht oft ausgetauscht werden, und der Laufmantel wurde nach wenigen Schüssen dermaßen heiß, dass die Soldaten, die mit dieser Waffe kämpften, eine Segeltuch- Manschette über den Lauf zogen, um sich nicht die Hand zu verbrennen. Ungeachtet dieser Tatsache war die schallgedämpfte Sten eine Waffe von hohem Kampfwert und seltsamerweise die Waffe, deren schallgedämpfte Ausführung in den höchsten Stückzahlen im Zweiten Weltkrieg produziert wurde.
Text by Landser 95. Letztes Update: 7. September 2007 |