Messerschmitt Me 410



Die Me 210 hatte zwar eine widerstandarme und aerodynamisch gut aussehende Figur, doch ihr Flugverhalten war äußerst tückisch und instabil.

Me 210 - der erfolglose Vorgänger

Bereits 1938 stellte das Reichsluftfahrtministerium (RLM) in einer Langzeitplanung fest, dass für die Bf 110 ein Nachfolger vonnöten sei. Die Firma Messerschmitt wurde daraufhin mit der Entwicklung eines Nachfolgers beauftragt. Der Entwurf Messerschmitts wurde im Sommer 1938 angenommen und die Konkurrenzentwicklung von Arado, die Ar 240, war in Prinzip von vornherein eine bloße Rückversicherung. So wurde bereits beim Erstauftrag an die Firma Messerschmitt die Fertigung von Baugruppen wie Flügelholme, Fahrwerk usw. für zunächst 1.000 Maschinen mit eingeschlossen.
Auf den Erfahrungen mit Bf 110 basierend, sollte die Me 210 vor allem eine stärkere Bewaffnung und eine bessere Wendigkeit erhalten. Dies führte zu dem neuartigen Aussehen des Flugzeuges. Der kurze gedrungene Rumpf ließ die aerodynamisch wohlgeformte Flugzeugnase weit hinter der Propellerlinie enden. Die starre Frontbewaffnung, bestehend aus zwei 20 mm MG 151 von Mauser und zwei 7,92 mm MG 17, war im strömungsgünstigen Bugboden untergebracht, während der Pilot ebenfalls weit vorne im Rumpf saß. Der mit zwei Klappen abgedeckte Bombenschacht konnte zwei 500 kg Bomben SC500 aufnehmen und war ebenfalls unter dem Cockpit angeordnet. Die von Rheinmetall-Borsig entwickelte elektrisch betriebene und widerstandsarme Heckabwehrbewaffnung bestand aus zwei links und rechts am Rumpf angebrachten Drehtürmen vom Typ FDSL.B-131/1 C. Sie waren mit einem 13 mm MG 131 ausgerüstet und wurden vom Beobachter-/Funkersitz aus über die Periskopvisieranlage VSE-B.210/1 mit Knüppelgriff bedient. Der Schwenkbereich der Türme betrug in der Vertikalen -45° bis +90° und in der Horizontalen -7° bis +45°. Um für den Piloten und den nach hinten blickenden Beobachter eine gute Sicht zu ermöglichen besaß die Me 210 eine Vielscheiben-Kanzelhaube aus Plexiglas mit seitlichen blasenförmigen Ausbuchtungen. Das Hauptfahrwerk mit den großen Reifen und stabilen Ölfederbeinen führte beim Einziehen eine 90°-Drehbewegung aus, so dass die Räder wie bei der Ju 88 flach im hinteren Teil der Motorgondel ruhten. Für mögliche Sturz- und Tiefangriffe waren Spreizklappen an den Außenflügeln vorhanden. Im Gegensatz zur Bf 110 mit ihren geschmiedeten Motorträgern kamen bei der Me 210 geschweißte Hohlkastenträger aus Stahl zum Einsatz. Als Antrieb diente der bewährte Daimler Benz Reihenmotor DB 601 A-1.
Am 5. September 1939, wenige Tage nach Ausbruch des Krieges, flog Messerschmitt-Testpilot Dr.-Ing. Hermann Wurster den Prototyp Me 210 V1 zum ersten Mal. Er beklagte eine gefährliche Instabilität um die Hoch- und Längsachse (Taumelschwingungen bzw. "dutch roll") und sein Testbericht war dementsprechend negativ. Es sah so aus, als könne die Me 210, die als "der Kampfzerstörer der alles konnte" propagiert wurde, nicht einmal fliegen. Der Prototyp wurde daraufhin einigen Änderungen unterzogen. Das anfangs verwendete doppelte Seitenleitwerk wurde gegen ein einfaches Leitwerk ausgetauscht und das Höhenleitwerk erhielt eine neue Trapezform. Die Flugeigenschaften wurden dadurch allerdings kaum verbessert. Der zweite Prototyp V2 stürzte am 5. September 1940 ab, aber trotz aller Probleme lief die Serienfertigung an. Aufgrund der unbefriedigenden Leistung wurde die Fertigung bereits Anfang 1942 wieder eingestellt.



Messerschmitt Me 210

Weiterentwicklung zur Me 410

Trotz des Produktionsstops der Me 210 liefen die Behebung der Konstruktionsmängel sowie die Erprobung weiter und bereits am 14. März 1942 flog eine Me 210 A-0 mit verlängertem Hinterrumpf und Außenflächen mit Vorflügeln. Diese Änderungen brachten die Wende. Die neue Maschine, die zudem den stärkeren DB 603 A Motor besaß, wurde als Me 410 bezeichnet, auch um sie deutlich von ihrem erfolglosen Vorgänger abzugrenzen. Viele Me 210 der Baureihen A-1 und A-2 wurden nun mit dem neuen Rumpf und den Vorflügeln nachgerüstet und dem 16./KG 6 und später auch dem III./ZG 1 zugeführt und bewährten sich dort. Zudem liefen Tests mit einer auf DB 605 B Motoren umgerüsteten Me 210 A-0 erfolgreich, so dass dieser Typ als Me 210 C für die deutsche und ungarische Luftwaffe in Produktion ging. Die störanfälligen Hecklafetten waren mittlerweile auch durch starr eingebaute MG 151/20 ersetzt worden. Blohm & Voss baute zudem sieben Schulmaschine Me 210 A-1, die Tandemsitze besaßen. Die Me 210 C-1 bewährten sich bei der ungarischen Luftwaffe recht gut, doch im März 1944 wurde die Fertigung in den Donauwerken im Rahmen des Notprogramms zugunsten der Me 109 G eingestellt.
Nachdem die schlimmsten Mängel der Me 210 auskuriert waren, begann die Flugerprobung der Me 410 im Herbst 1942. Die Trudelneigung der Me 210 war nicht mehr vorhanden und die beiden DB 603 A Triebwerke, die in 2.100 m Höhe noch je 1.850 PS besaßen, lieferten eine überragende Leistung. Zudem konnten die Probleme mit den FDSL 131 Hecklafetten behoben werden und im Dezember 1942 begann die Großserienfertigung der Me 410. In den nächsten Monaten wurden dann von Messerschmitts Entwurfsabteilungen und den Luftwaffenerprobungsstellen für Waffen und Ausrüstung eine Vielzahl von Rüstsätzen entwickelt. Bis September 1944 sind insgesamt noch 1013 Messerschmitt Me 410 hergestellt worden, hauptsächlich Maschinen der Reihen Me 410 A und Me 410 B.
Das Basismodell Me 410 A-1 besaß den gleichen strukturellen Aufbau wie die Me 210. Die Unterseiten der Motorengondeln und die Kühler waren zum Schutz vor Bordkanonenbeschuss gepanzert, hinter der Luftschraubenhaube befand sich ebenfalls eine Panzerplatte. Die sechs im Flügel untergebrachten Gummitanks waren selbstdichtend und fassten zusammen 5.000 l Kraftstoff. Die Bewaffnung der Me 410 beinhaltete standardmäßig die ferngesteuerten Dreh-/Schwenk-Lafetten FDSL 131, die starre Bugbewaffnung sowie die Bestückung des Waffenschachtes unterschied sich jedoch bei den einzelnen Versionen und Rüstzuständen. Im Fall der Version A-1 bestand die Bugbewaffnung aus zwei 20 mm MG 151/20 von Mauser und zwei 7,92 mm MG 17. Im Waffenschacht konnten im Normalfall 500 kg Bomben mitgeführt werden (2 SC250 oder 1 SC500), bei Überlast auch die 1.000 kg Spezialbombe SB 1000/410.
Die Me 410 B unterschied sich von der A-Reihe durch die Verwendung des stärkeren Motors DB 603 G und einer verbesserten Bewaffnung. Die beiden MG 17 im Bug waren nun durch zwei 13 mm MG 131 ersetzt worden. Von beiden Reihen existierten sowohl Ausführungen als schwerer Jäger/Zerstörer, Jagdbomber (Schnellbomber) als auch Aufklärer. Durch die vorhandenen Rüst-/Umrüstsätze ließen sich die Basisversion nochmals modifizieren. Bei kombinierter Verwendung sowohl eines Rüst- als auch Umrüstsatzes konnte somit eine enorme Rohrbewaffnung mitgeführt werden. Die Luftwaffen-Frontwerften erhielten für die Me 410 B-2/U4 circa 100 Umrüstsätze mit der 5 cm BK 5 im Waffenschacht (U4) plus je zwei MK103 (R3) oder MG 151/20 (R4) in Waffenbehältern inklusive den benötigten Zieloptiken und der Robotkamera des U4. Diese schwere Variante der Zerstörerversion wurden primär gegen feindliche Bomber bei der "Reichsverteidigung" eingesetzt.



Versionen

Version Beschreibung Umrüst-/Rüstsätze
Me 410 A-1 Bomber. Bewaffnung: 2 x 20 mm MG 151/20, 2 x 7,92 mm MG 17, 2 x 13 mm FDSL, 500 (1.000) kg Bomben U1, U2, U4
Me 410 A-2 Zerstörer mit verstärkter Bewaffnung im Bug: 2 x 20 mm MG 151/20, 2 x 30 mm MK 103 U4
Me 410 A-3 Aufklärer mit größerer Reichweite. Kameraausrüstung im Waffenschacht. Im Bug zwei MG 151/20. U1
Me 410 B-1 Bomber analog A-1. stärkere Bugbewaffnung: 4 x 13 mm MG 131, 2 x 20 mm MG 151/20 U2, U4
Me 410 B-2 Zerstörer analog A-1/U2. WB 151 jedoch nun standardmäßig U2, U 4, R2, R3, R4, R5
Me 410 B-3 Aufklärer analog A-3. stärkere Bugbewaffnung: 4 x 13 mm MG 131, 2 x 20 mm MG 151/20 U1
Me 410 B-5 Torpedoflugzeug. Bugbewaffnung: 2 MG 151/20, 1 Torpedo 900 kg (unter anderem Sondertorpedo Friedensengel) LT 950 oder bis zu 1.800 kg Bomben (u.a. 800 kg Rollbomben SB 800RS). Schiffssuchradar FuG 200"Hohentwiel". Versuche 44 -
Me 410 B-6 Zerstörer. Bugbewaffnung: 2 x 13 MG 131, 2 x 20 mm MG 151/20, 2 x 30 mm MK 103. FuG 200 zur Schiffsbekämpfung. Versuche 44/45 und Einsatz I./ZG 1 -
Me 410 B-7 Jagdaufklärer ähnlich B-3/ U1, Versuche 44/45 -
Me 410 B-8 Nachtfernaufklärer mit Leuchtbomben im Waffenschacht, Versuche 44/45 -
Me 410 C Projekt. Abgasturbolader, stärkere Bewaffnung, optimierte Kabinenverglasung -
Me 410 D-1 Schnellbomber-Projekt -
Me 410 D-2 Zerstörer-Projekt -
Me 410 D-3 Fernaufklärer-Projekt -
Me 410 H Höhenjäger-Projekt mit auf 23 m vergrößerter Spannweite -

Rüst-/Umrüstsätze

Version Beschreibung
R2 Waffenbehälter WB 108 (2 x 30 mm MK 108, je 100 Schuss) im Waffenschacht
R3 Waffenbehälter WB 103 (2 x 30 mm MK 103, je 100 Schuss) im Waffenschacht
R4 Waffentropfen WT 151 (2 x 20 mm MG 151/20) unter dem Rumpf
R5 Waffen-Einbau 151 V (4 x 20 mm MG 151/20) im Waffenschacht
U1 Senkrechtkamera-Einbau im hinteren Teil des Rumpfes
U2 Waffenbehälter WB 151 A (2 x 20 mm MG 151/20) im Waffenschacht
U4 5 cm BK 5 (Pak 38/L60, 36 Schuss) im Waffenschacht mit geänderter Abdeckung. Einbau einer Robotkamera

Die Me 410 war ein kampfstarkes Muster, das sich im Kampf gegen alliierte Bomberverbände bewährte.

Ab Mitte 1944 fand die Me 410 hauptsächlich bei der Reichsverteidigung zur Abwehr amerikanischer Bomberverbände Verwendung. Durch ihre starke Bewaffnung konnten sie einige alliierte Bomber abschießen, doch waren sie für die wendigeren Mustang- und Thunderbolt-Begleitjäger eine relativ leichte Beute. Die Me 410 A-3/B-3 Aufklärer, die über England operierten, hatten dagegen wegen ihrer hohen Geschwindigkeit nur geringe Verluste.
Gegen Ende des Krieges wurden sogar einige Me 410 mit 210 mm Raketenwerfern ausgestattet. Der riesige automatische Werfer bestand aus sechs Wurfrohren und war im Waffenschacht untergebracht. Das feuernde Rohr lag jeweils außen frei und alle sechs Geschosse konnten innerhalb von zwei Sekunden abgefeuert werden. Bei ersten Tests rissen die Pulvergase die ganze Bugverkleidung ab, doch Verbesserungen konnten das Problem beheben. Anfang 1944 wurde auch eine gestreckte Me 410 C, mit stärkerer Bewaffnung und der Möglichkeit ein Radargerät zur Nachtjagd aufzunehmen, entworfen. Diese Version sollte mit einem Turboladertriebwerk ausgestatte werden, wie beispielsweise dem DB 603 JZ, doch wegen des Rohstoffmangels wurde das Projekt aufgegeben. Ein weiteres Projekt war die Me 410 D, die ein zwillingsbereiftes Fahrwerk, den ringgekühlten DB 603 JZ, einen neu konstruierten Vorderrumpf und, aufgrund des Rohstoffmangels, hölzerne Außenflächen besaß. Durch Probleme mit der Holzklebetechnik kam die Me 410 D jedoch nicht über die Planungsphase hinaus. An ihrer Stelle sollte die Me 410 H (Höhenjäger) gebaut werden, die aber auch nicht mehr verwirklicht wurde.



Diese Me 410 A-3 wurde von den Amerikanern erbeutet und nach dem Krieg ausgiebig erprobt.

Bezeichnung des Flugzeugs: Messerschmitt Me 410 A-1/U2
Typ: zweisitziger schwerer Jäger (Zerstörer)
Hersteller: Messerschmitt
Baujahr: Dez. 1942 bis 1944
Motor: 2 x DB 603 A, flüssigkeitsgekühlter 12 Zylinder V-Motor
Höchstleistung (PS): je 1.750 beim Start, 1.850 in 2.100 m Höhe und 1.625 in 5.700 m Höhe
Höchstgeschwindigkeit (km/h): 507 in Meereshöhe
624 in 6.700 m
600 in 8.000 m
Steigleistung: 6.700 m in 10 Min. 42 Sek.
Dienstgipfelhöhe (m): 10.000
Reichweite (km): bei max. Marschgeschwindigkeit (587 km/h) 1.200, maximale Reichweite 1.670
Gewicht (kg): 7.518 Leergewicht
9.651 normales Startgewicht
Länge (m): 12,48
Höhe (m): 4,28
Spannweite (m): 16,35
Tragflügelfläche (m2): 36,2
Bewaffnung: 2 x 20 mm MG 151/20 im Rumpfbug (je 350 Schuss),
2 x 7,92 mm MG 17 im Rumpfbug (je 1.000 Schuss),
2 x 13 mm MG 131 auf fernbedienten seitlichen Lafetten Typ FDSL (je 500 Schuss)
2 x 20 mm MG 151/20 im Waffenschacht (WB 151 A)

Eine weitere, von den Briten erbeutete Messerschmitt Me 410


 

Text by UncleK. Letztes Update:  7. September 2007