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> Was wird aus Deutschlands Seeminenabwehr?, Technologie am Scheideweg
BigLinus
Beitrag 18. Apr 2006, 20:44 | Beitrag #1
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Anbei ein interessanter Aufsatz zu einem maritimen, deutschen Hightec-Gebiet und dessen weitere Zukunft, der Seeminenabwehr, von Dipl.-Ing. Heinrich Schütz, Erster Direktor BWB a.D..

Da ein dauerhafter Link nicht möglich ist, hier der komplette Artikel von Heinrich Schütz, der bis Ende 2003 Leiter der Projektabteilung See im Bundesamt für Wehrtechnik und Beschaffung (BWB) in Koblenz war.

QUOTE
Technologie am Scheideweg - Was wird aus Deutschlands Seeminenabwehr?
Von Heinrich Schütz


Vor rund 200 Jahren hatte ein findiger Kopf die erste Idee zum Bau einer Seemine. Allgemein wird diese Idee dem amerikanischen Ingenieur Robert Fulton zugesprochen. Die Geburtsstunde der Mine war im Grunde zugleich der Startschuss für alle großen Marinen, sich auch mit der Bekämpfung dieser heimtückischen Waffe auseinander zu setzen. Und sowohl die Bedeutung der Mine für den Seekrieg als auch die der Minenbekämpfung hat bis heute angehalten.

100 Jahre ist es her, dass in Cuxhaven die ersten deutschen Marinesoldaten in die Kasernen der neu gegründeten Minenkompanie einzogen, um hier ihre Ausbildung in einer neuen Waffengattung zu beginnen. Zu diesem Zeitpunkt wurden auch die ersten deutschen Minensuchboote in Dienst gestellt.

Und in diesem Jahr feiert nun die Marine der Bundesrepublik Deutschland ihr 50-jähriges Bestehen.

Die Anhäufung solcher Jubiläen ist ein gegebener Anlass, der Frage nachzugehen, welchen Stellenwert die Seeminenabwehr heute in Deutschland hat und welchen Weg sie zukünftig gehen wird.

Wenn sich ein Wehrtechniker mit diesem Thema beschäftigt, dann tut er dies in dem Wissen, dass sich jegliches technische Engagement am Auftrag der Marine zu orientieren hat und die oben gestellte Frage in erster Linie von den Militärstrategen ggf. auch von den Politikern zu beantworten ist.


Am Anfang Bewährtes – ein Stück Marinegeschichte

Am Anfang der Überlegungen soll zunächst ein kurzer Rückblick über die Entwicklung der Seeminenabwehr in der Bundesmarine stehen.

Für diesen Spezialbereich der Marinedienste vollzog sich der Übergang vom Kriegsende 1945 bis hin zur Gründung der Bundeswehr rund zehn Jahre später in einer mehr oder weniger schleichenden Form. Etwa 40 Prozent des Minensuchpersonals der Kriegsmarine wurde bei Beendigung des Zweiten Weltkrieges auf Befehl und unter Kontrolle der Alliierten für Minenräumaufgaben auf den Zwangswegen und in den Flussmündungen der Nordsee verpflichtet. Die Organisation, die diese Aufgaben durchführen musste, erhielt den Namen »Deutscher Minenräumdienst«, im Englischen »German Minesweeping Administration (GM/SA)«.

Der Minenräumdienst – es folgten noch einige Nachfolgeorganisationen, auch wieder unter alliierter Kontrolle – erledigte den Auftrag mit den Verfahren und den Räumgeräten der alten Kriegsmarine. Und auch die Minensuchboote, auf denen die deutschen Soldaten zum damaligen Zeitpunkt Dienst taten, waren ausnahmslos Weltkrieg II-Veteranen.

Aus dieser Organisation heraus vollzog sich der Start der 1956 neu gegründeten Bundesmarine sozusagen fliegend. Viele Soldaten wurden nahtlos in die Bundesmarine überführt und bildeten mit ihrem unermesslichen Erfahrungsschatz und dem bewährten Material – dies galt insbesondere für den Bereich der Seeminenabwehr – über viele Jahre einen Eckpfeiler der neuen Bundesmarine.

Es sollte jedoch nicht lange dauern, bis dann auch die Planung neuer Minensuchboote auf Hochtouren kam. Bereits 1957 lief auf der Burmester Werft in Bremen-Burg das erste von 18 Küstenminensuchbooten Klasse 320 (LINDAU- Klasse) vom Stapel. Nur wenige Jahre später folgten im engen Liefertakt 30 Schnelle Minensuchboote Klasse 340/341 (SCHÜTZE-Klasse), die bei den Werften Abeking & Rasmussen (Lemwerder), Schürenstedt (Bardenfleth) und Kröger (Rendsburg) in Auftrag gegeben worden waren. Darüber hinaus lieferte die Kröger Werft in den folgenden Jahren 18 Binnenminensuchboote Klasse 393/394 ab.

Allen diesen Booten war gemeinsam, dass die Rümpfe aus Holz gefertigt waren und die Entwicklung der auf diesen Booten verwendeten Räumgeräte schon viele Jahre zurück lag. Auch die Verfahren, mit denen die Besatzungen den Kampf gegen die Minen aufnahmen, stammten im Grunde noch aus der Zeit des letzten Krieges.

Zusammen mit den in Frankreich angekauften Minensuchbooten Klasse 321 (und vorübergehend auch mit einigen Weltkrieg II-Booten) bildeten die neuen Boote in den ersten Jahren der Bundesmarine eine schlagkräftige Flottille, die den jungen Soldaten eine hervorragende Ausbildung bot.

Sie war aber auch noch bis in das Jahr 1971 mit der Beseitigung von Seeminen des letzten Krieges in den deutschen Küstengewässern beschäftigt und leistete damit einen wesentlichen Beitrag zur Erhöhung der Sicherheit auf den bedeutenden Seestraßen der Nord- und Ostsee. Rückblickend kann man heute sagen, dass dieser Teil der Teilstreitkraft Marine eigentlich immer im »scharfen« Einsatz war.

Zur Minenräumung wurden in diesen Jahren konventionelle und erprobte Räumgeräte eingesetzt:

- Mechanische Räumgeräte zur Bekämpfung von Ankertauminen, die vom Minensuchboot nachgeschleppt wurden (Scherdrachengeräte): Bei dieser Art des Räumens wurde das Ankertau der Mine geschnitten oder gesprengt. Nach dem Aufschwimmen konnte die Mine vernichtet werden.
- Simulationsräumgeräte zur Bekämpfung von Grundminen mit Magnet- und/oder Akustikzündern: Auch diese Geräte wurden vom Räumfahrzeug geschleppt (Magnetelektrodengeräte, geschleppte Hohlstabfernräumgeräte, Turbinengeräte zur Geräuscherzeugung).
Der Einsatz beider Arten von Räumgeräten erfolgte in der Regel kombiniert.

Gegen Minen mit Druckzündern gab es zu diesem Zeitpunkt – sieht man einmal von dem Prinzip des Sperrbrechers ab – noch immer keine geeigneten Mittel der Räumung. Da zudem das schleppende Minensuchboot die zu bekämpfenden Minen überlaufen musste und diese dabei zur Detonation bringen konnte, waren Boot und Besatzung ständig großen Gefahren ausgesetzt. Die Anstrengungen der Schiffbauer waren deshalb darauf ausgerichtet, die Minensuchboote weitestgehend schockfest und geräuscharm zu konzipieren.

Um diese Schwachstelle der Minenabwehr zu beseitigen, wurde daher in den 50er und 60er Jahren die Entwicklung unbemannter, ferngesteuerter Simulationsgeräte vorangetrieben. Mit solchen Drohnen sollten die Minen in sicherer Entfernung vom lenkenden Minensuchboot, dem »Lenkboot«, zur Detonation gebracht werden. Es dauerte allerdings noch fast zwei Jahrzehnte, bis auch dieses System technisch so ausgereift war, dass es als so genanntes System »Troika« funktionssicher und effektiv eingesetzt werden konnte. Aber die ersten Akzente für zukunftsweisende Lösungen waren damit gesetzt.


Mit neuen Technologien an die Spitze

Anfang der 70er Jahre vollzog sich in der Bundesmarine bezüglich der Seeminenabwehr ein deutlicher Wandel im Denken, aber auch im Handeln. Man hatte erkannt, dass die Entwicklung der Seeminen mit großen Schritten weiter voran geschritten war. Von dieser Weiterentwicklung waren insbesondere die Zündsysteme betroffen. Mittlerweile gab es Zünder, die praktisch auf alle physikalischen Eigenschaften eines Schiffes abgestimmt werden konnten. Besondere taktische Zusätze, wie Zähl- und Zeitschalteinrichtungen, engten die Auswahl der Zielobjekte weiter ein. Fernsteuerbare Minen und Möglichkeiten der Minentarnung stellten die Minenabwehr vor zusätzliche Herausforderungen.

Kein Zweifel, die Marinen – auch die Bundesmarine – mussten auf diese gewachsene Bedrohung reagieren.

Der Wandel vollzog sich für die Seeminenabwehr vor dem Hintergrund neuer Technologien und Verfahren, die diesen Prozess zusätzlich unterstützten. Vielleicht fühlten sich die Bundesmarine und der deutsche Rüstungsbereich aber auch ein wenig von den Marinen Großbritanniens und Frankreichs herausgefordert, die mit deutlich verbesserten Systemen erfolgreiche Einsätze fuhren, beispielsweise bei der Räumung des Suez-Kanals, und die sich damit erst einmal an die Spitze dieser Technologie setzten.

Deutschland tat etwas sehr Vernünftiges in dieser Situation, indem es sich der Lösung für diese neue Herausforderung in technisch überschaubaren Schritten näherte:

- In einem ersten Schritt wurden die in Deutschland bereits erprobten Komponenten sowie Kauflösungen aus dem Ausland auf den in der Bundesmarine vorhandenen Booten integriert. Damit sollte erreicht werden, dass einerseits die Minensuchflottille Erfahrungen mit der neuen Technik und mit den neuen Verfahren sammeln konnte. Andererseits erhielt die deutsche Industrie die Chance, zwischenzeitlich eigene Entwicklungen auf dem Gebiet der Seeminenabwehr voran zu treiben.
- Erst der zweite Schritt sah dann den Bau neuer Boote vor, die mit den von deutschen Firmen neu entwickelten Komponenten zu einem leistungsfähigen Waffensystem integriert werden konnten. Im dritten Schritt ging es dann noch darum, die neuen Systeme zu optimieren bzw. an veränderte Bedingungen anzupassen.

Wie sah nun dieses schrittweise Vorgehen im Einzelnen aus? Für die Umbauprogramme des ersten Schrittes standen die Küstenminensuchboote Klasse 320 bereit, deren Holzrümpfe auch nach 20-jähriger Dienstzeit noch immer in einem guten Zustand waren.

Unter Einbeziehung der Erfahrungen, die man mit zwei Vorläuferbooten (FLENSBURG/ FULDA; MJ 331A) eingefahren hatte, wurden in den Jahren 1975 bis 1978 zehn weitere Boote zu Minenjagdbooten Klasse 331B (MJ 331B) umgebaut.

Kernkomponenten des Minenjagdsystems waren eine von der englischen Firma Plessey entwickelte Minenjagdsonaranlage 193M und das in Frankreich entwickelte Drahtgelenkte Minenjagdgerät PAP 104, das mit seiner Minenvernichtungsladung die aufgespürten Grundminen zerstörte. Mit diesem Unterwasserfahrzeug sammelte die Deutsche Marine ihre ersten Erfahrungen im Einsatz von Drohnen.

Weitere wichtige Komponenten des Systems MJ 331B waren eine Navigations- und Positionierungsanlage hoher Genauigkeit, ein geräuscharmer Langsamfahrantrieb und eine Minentaucherausrüstung. Ankertauminen mussten nach wie vor mit nachgeschleppten mechanischen Räumgeräten bekämpft werden.

Die Marine hat sich mit der neuen Minenjagdtechnik sehr schnell vertraut gemacht und die Boote der Klasse 331B bis in die 90er Jahre erfolgreich eingesetzt.

Nahezu zeitparallel erfolgte in diesen Jahren der Umbau der sechs restlichen Küstenminensuchboote Klasse 320 zu Hohlstablenkbooten Klasse 351 (HL 351). Jedes Lenkboot verfügte über eine Lenkanlage zur gleichzeitigen Führung von drei Hohlstabfernräumgeräten HFGF1( SEEHUND) und – ebenso wie das Minenjagdboot 331B – über ein Scherdrachengerät zum Schneiden von Ankertauminen. Dieses Fernräumsystem, zu dem außerdem ein Minenmeidesonar und weitere elektronische Überwachungseinrichtungen gehörten, ist unter dem Systemnamen »Troika« bekannt geworden und bildete zusammen mit den Minenjagdbooten über mehr als ein Jahrzehnt ein äußerst effektives Seeminenabwehrsystem.

Es ist bezeichnend, dass vor diesem Hintergrund 1982 mit Fregattenkapitän Jacobi erstmals ein deutscher Marineoffizier und »gelernter Minensucher« für ein Jahr das Kommando über einen Flottenverband der NATO übernahm. Es handelte sich um den ständigen Einsatzverband der NATO-Minensuchstreitkräfte Ärmelkanal (STANAVFORCHAN), in dem von nun an auch die neuen deutschen Minenabwehrsysteme ihre Leistungsfähigkeit unter Beweis stellen konnten.

Während die oben vorgestellten Umbauprogramme noch liefen, plante die Marine bereits im zweiten Schritt den Bau einer neuen Generation von Minenkampfbooten. Der Entwurf dieser neuen Boote war zunächst eng mit der Frage des Werkstoffs für den Bootskörper verknüpft. Nach aufwändigen Voruntersuchungen und detaillierten Vergleichsbewertungen zwischen Holz, Kunststoff und Stahl entschied sich der Rüstungsbereich am Ende für nichtmagnetisierbaren Stahl. Diese Entscheidung hatte große Bedeutung für den späteren Betrieb der Boote. Sie war aber auch wichtig für die deutschen Werften im Hinblick auf den Export von Minenkampfschiffen. Heute wissen wir, dass diese Entscheidung richtig und zukunftsweisend gewesen ist.

Als der Bau der zehn Schnellen Minenkampfboote Klasse 343 (SM 343) im Jahr 1985 in Auftrag gegeben wurde, schien es so, als sei nun ein Stillstand oder sogar ein Rückschritt in der Entwicklung der deutschen Seeminenabwehr eingetreten.

Die schiffstechnische Plattform entsprach zwar modernen und zukunftsweisenden Ansprüchen, aber bei den Waffen zur Minenbekämpfung waren keinerlei Technologiesprünge zu erkennen. Die Boote wurden schlicht mit den Geräten der vorangegangenen Minenräumgeneration ausgerüstet: Schleppausrüstung für den Hohlstab HFG-G 1, akustisches Räumgerät GHA, mechanisches Räumgerät SDG 31.

Aber man muss verstehen, dass zu dieser Zeit andere Bedrohungsszenarien dominierten und die Boote SM 343 in erster Linie für eine hohe Minenlegekapazität ausgelegt werden mussten. Erst als der Kalte Krieg beendet war, erhielten diese Boote primäre Minenabwehraufgaben und die dafür notwendige Ausrüstung. Dies geschah im dritten Schritt, über den noch zu berichten sein wird.

Ganz anders stellte sich die Situation für den Bau der zwölf Minenjagdbote Klasse 332 (MJ 332) dar. Die Boote hatten die gleiche schiffstechnische Plattform wie die SM 343-Boote – Begriffe wie »Einheitswaffenträger« und »Standardplattform « wurden damals dafür geprägt – aber sie erhielten von Anfang an eine Ausrüstung zur Minenbekämpfung, die modern und zukunftsweisend war. Sie sollten – wie es ihnen schon die MJ 331B-Boote vorgemacht hatten – Minen »jagen«, allerdings mit deutlich höherer Effektivität.

Als Sensor kam die aus der Sonar 80-Familie entwickelte Sonaranlage DSQS-11M zum Einsatz. Eine neu entwickelte Drahtgelenkte Unterwasserdrohne Pinguin B3 identifizierte und zerstörte bzw. neutralisierte die aufgespürten Grundminen. Beide Komponenten waren über eine Minenjagdführungsanlage SATAM (System zur Auswertung und Darstellung taktischer Daten im Minenkampf) miteinander verknüpft.

In Verbindung mit der voll integrierten Navigationsanlage war die Minenjagdführungsanlage etwa dem Führungs- und Waffeneinsatzsystem (FüWES) auf Kampfschiffen gleichzusetzen. Im schiffstechnischen Bereich kam erstmals auf deutschen Kampfschiffen ein rechnergestütztes Automationskonzept zum Einsatz.

Der hohe Integrationsgrad von

- schiffstechnischer Automation
- Navigation in Verbindung mit einer Bahnregelung
- Minenjagdführung

hat wesentlich dazu beigetragen, dass die Boote auch heute noch weltweit zu den modernsten ihrer Art zählen.

Mit dem Fernräumsystem HL 351 und dem Minenjagdsystem MJ 332 hatte die Deutsche Marine wieder den Anschluss an die Weltspitze auf dem Sektor Seeminenabwehr geschafft. Und es war sicherlich kein Zufall, dass Deutschland zu diesem Zeitpunkt auch die Führung des vielleicht wichtigsten NATO-Programms auf dem Gebiet der Seeminenabwehr übertragen wurde. Das System mit dem Namen ERMISS (Explosion Resisistant Multi Influence Sweep System), zu dessen Entwicklung sich fünf Nationen zusammengefunden hatten, zählte zur Kategorie des Simulationsräumens und hatte zum Ziel, Minen aller Art, also auch solche mit Druckzündeinrichtungen, bei verminderten Risiken für Mensch und Material zu räumen.

Trotz der interessanten technischen Ansätze und erster überzeugender Teilergebnisse gelang es allerdings nicht, das Programm zu einem qualifizierten Abschluss zu bringen. Unterschiedliche Interessen der beteiligten Nationen (möglicherweise auch die eine oder andere Finanzenge) zwangen nach wenigen Jahren der Zusammenarbeit zu einem Abbruch des Vorhabens.

Der dritte Schritt in der Weiterentwicklung der deutschen Seeminenabwehrfähigkeit war folgerichtig und notwendig. Die 22 in Dienst befindlichen Einheiten Klasse 343/332 waren robust und zurüstfähig. Ihre schiffstechnischen Anlagen und Eigenschaften – allen voran der passive Schiffsschutz und die Schockfestigkeit – entsprachen (und entsprechen noch heute) dem höchsten Standard. So war das Hauptaugenmerk während des letzten Jahrzehnts darauf gerichtet, die waffentechnischen Komponenten zu verbessern und den sich verändernden sicherheitspolitischen und technischen Bedingungen anzupassen.

Der Schwerpunkt der davon betroffenen Maßnahmen vollzog sich im Zeitraum 1997 bis 2001 im Umbau der zehn Minenkampfboote (mittlerweile in »Minensuchboote« umbenannt) Klasse 343 zu je fünf Minenjagdbooten Klasse 333 (MJ 333) und Hohlstablenkbooten Klasse 352 (HL 352). Im Rahmen dieser Umbauten wurden die von deutschen Firmen neu entwickelten Komponenten in die Minenjagd- bzw. Fernräumsysteme integriert, was zu deutlichen Leistungssteigerungen dieser Systeme führte:

- Das Ankertauminen-Detektionssonar (ADS) zur simultanen 3D-Detektion bei hoher Geschwindigkeit.
- Die Unterwasser-Einwegdrohne »Seefuchs« zur direkten Minenvernichtung: Mit dieser Drohne lassen sich auch flachstehende Ankertauminen bekämpfen.
- Das Command and Control System (MCM C2-System) zur automatisierten Planung, Durchführung und Überwachung des Einsatzes der ferngelenkten Simulationsdrohnen »Seehund« (HFG-F1): Das rechnergestützte System erlaubt über Funk die Führung von vier (an Stelle von bisher drei) »Seehunden«. Dabei wird die Führungsaufgabe auf dem Lenkboot von nur noch zwei Soldaten wahrgenommen, gegenüber fünf Soldaten beim alten Troika-System. Das System wurde in enger Kooperation mit der niederländischen Marine entwickelt.

Mit MJ 333 und HL 352 können sowohl Grundminen als auch flach- und tiefstehende Ankertauminen im automatischen Anlauf bekämpft werden.

Jetzt gehen alle Anstrengungen dahin, die mittlerweile schon über 25 Jahre alten »Seehunde « durch neue zu ersetzen.


Das gegenwärtige Potenzial

Die Deutsche Marine verfügt heute über 17 moderne Minenjagdboote (Klasse 332/333) und fünf Hohlstablenkboote (Klasse 352) mit 18 fernlenkbaren Simulationsdrohnen HFG-F1 sowie über eine leistungsstarke Minentaucherkompanie. Sie ist damit gut aufgestellt.

Anders sieht es im technisch-industriellen Bereich aus. Nach der Einstellung des Projektes Minenjagd 2000 (MJ 2000) im letzten Jahr droht hier Kompetenzabbau an allen Ecken. Den Anfang machte bereits die Projektabteilung See des Bundesamtes für Wehrtechnik und Beschaffung (BWB), das die für das Vorhaben MJ 2000 zuständige Projektgruppe mittlerweile komplett aufgelöst hat.

Das fachtechnische Wissen des Rüstungsbereichs für das Gebiet Seeminenabwehr ist jetzt bei der Wehrtechnische Dienststelle für Schiffe und Marinewaffen (WTD 71) und der Forschungsanstalt für Wasserschall und Geophysik (FWG) konzentriert. Beide Dienststellen haben in der Vergangenheit die deutsche Industrie bei der Entwicklung der Waffen und Sensoren für den Minenkampf unterstützt und damit die Entwicklung der heute bei der Deutschen Marine eingesetzten Ausrüstungskomponenten entscheidend mitgestaltet.

Einer der Forschungsschwerpunkte der FWG ist bis heute die Weiterentwicklung der Sonare geblieben, die das Herzstück der Minenjagd darstellen. Die FWG hat der Industrie insbesondere durch ihre Beiträge zur Verbesserung der Enttarnung von Minen in Steinfeldern und von versandeten Minen entscheidend unter die Arme gegriffen.

In gleicher Weise begleitet die WTD 71 von jeher die industriellen Forschungs- und Entwicklungsarbeiten. Sie stellt vor allen Dingen ihre modernen Test- und Erprobungseinrichtungen mit den entsprechenden personellen Kapazitäten zur Verfügung. Von dieser Unterstützung hat in der Vergangenheit insbesondere die Entwicklung der Drohnen profitiert.

Für den Bau moderner Minenkampfschiffe sind Einrichtungen, wie sie die WTD 71 beispielsweise mit dem neuen Schockprüfstand und dem neuen Magnetfeldsimulator bietet, unerlässlich. Diese anspruchsvollen Einrichtungen, die in der Welt einzigartig sind, erfordern gut qualifizierte Fachleute. Aber wie lange dieses Personal noch zu halten sein wird, wenn die Aufgaben auf diesem Gebiet der Wehrtechnik ausbleiben, ist ungewiss.

Auf der Industrieseite ist es die Firma ATLAS Elektronik, die das größte technische Potenzial für alle Varianten der Seeminenabwehr bündelt und damit die herausgehobene Position Deutschlands auf diesem Gebiet der Seeminenabwehr in der Welt begründet hat. Sie deckt praktisch die gesamte Bandbreite der Minenjagdkomponenten vom Sensor (Sonar) bis zum Effektor (Drohne) ab und liefert die Technik, um diese Komponenten über ein Führungs- und Einsatzsystem miteinander zu verknüpfen.

Ein Spezialgebiet der Firma ist immer die Entwicklung von hochauflösenden Sonaranlagen für die Minenortung gewesen, angefangen beim schiffsfesten Minenjagdsonar DSQS-11M bis hin zum Nahbereichssonar DDSX-11A, das in die Minenjagddrohne Pinguin B3 integriert worden ist. Für das Projekt MJ 2000 war eine Sonaranlage in der Planung, mit der unter Nutzung synthetischer Aperturverfahren im Meeresboden eingesunkene Objekte sicher detektiert werden sollten.

Warum war das Projekt Minenjagd 2000, das im letzten Jahr dem Rotstift zum Opfer fiel, nun so wichtig für Deutschlands Seeminenabwehr?

Mit MJ 2000 wäre der nächste große Schritt in Richtung einer leistungsfähigen Seeminenabwehr gelungen. Die Deutsche Marine hätte ein System erhalten, dass das gesamte Spektrum zur Bekämpfung moderner Minen auch unter erschwerten Einsatz- und Umweltbedingungen abdeckt.

Die »Führungsplattform MJ 334« sollte durch den Umbau von MJ-Booten Klasse 333 realisiert werden, die aufgrund ihrer modernen und gleichzeitig robusten Bauweise noch über einen genügend langen Zeitraum in Dienst gehalten werden können. Jedes MJ 334-Boot führt im Einsatz bis zu zwei vollautomatische, unbemannte Überwasserdrohnen des neu entwickelten Typs »Seepferd«.

Das »Seepferd« ist ein Überwasserfahrzeug in SWATH-Technologie (Small Waterplane Area Twin Hull), das sich durch ein besonders gutes Seeverhalten auszeichnet. Es schleppt einen Sensorträger nach sich, in dem alle für die Minendetektion erforderlichen Sensoren integriert sind. Über ein Schleppkabel werden die Daten zur Überwasserdrohne und von dort per Funk an die Führungsplattform übertragen. Auf der Drohne ist ein Ankertauminendetektionssonar integriert. Auf das von der Firma ATLAS Elektronik entwickelte und zur Detektion eingesunkener Minen vorgesehene Sedimentsonar mit synthetischer Apertur ist bereits hingewiesen worden.

Es war geplant, zur Bekämpfung der eingesunkenen Minen die Einwegdrohne »Seewolf« einzusetzen. Die Vernichtung frei liegender Minen und von Ankertauminen sollte durch die etwas kleinere Einwegdrohne »Seefuchs« erfolgen. Beide Drohnen unterscheiden sich nicht nur durch ihre Größe sondern auch durch die Art ihrer Ladung. Der Einsatz beider Drohnen war von der Führungsplattform aus vorgesehen.

Das Projekt MJ 2000 war bis zu seiner Einstellung von einem Konsortium, bestehend aus den Firmen ATLAS Elektronik, EADS, Schiffsund Yachtwerft Abeking & Rasmussen und Fr. Lürssen Werft, so weit definiert worden, dass eine zügige und sichere Realisierung möglich gewesen wäre.

»Aber es hatte nicht sein gesollt«, hätte Kuddel Daddeldu gesagt, und das Projekt wartet jetzt in den Schubläden der Industrie und der Ämter auf eine neue Chance.

Die Firma ATLAS Elektronik sichert zurzeit ihre Kapazitäten und Fähigkeiten auf dem Sektor Seeminenabwehr durch einen Auftrag ab, den sie von den Marinen der Niederlande und Belgiens erhalten hat. Diese Marinen werden mit dem neuen Integrierten Minenabwehrsystem IMCMS (Integrated Mine Countermeasures System) ausgerüstet, das viele Ideen und Elemente des für die Deutsche Marine geplanten Systems aufweist und zweifellos das derzeit modernste System ist. Auch die schwedische Marine hat sich für dieses System entschieden und die Firma ATLAS Elektronik dementsprechend beauftragt.

Weniger Sorgen muss man sich im Übrigen wohl um die deutschen Werften machen. Ihre Kompetenz für den Bau komplexer Minenkampfboote wird sicherlich noch viele Jahre bereit stehen. Bei den Werften kommt es wie immer darauf an, dass ihre Kapazitäten in solch projektfreien Phasen, wie sie jetzt die Seeminenabwehr durchmacht, durch andere Schiffbauaufträge ausgelastet werden.


Ein Fazit

Die Seeminenabwehr der Deutschen Marine ist zurzeit mit ihren technischen Einrichtungen, dem hohen Ausbildungsstand der Soldaten und mit ihren erprobten Verfahren gut aufgestellt. Allerdings stellt sich die Frage, wie es in Zukunft weiter gehen wird.

In der deutschen Industrie und im wehrtechnischen Bereich sind die Fähigkeiten auf dem Sektor Minenabwehr noch vorhanden. Die Realisierung eines neuen Vorhabens ist mittelfristig jedoch nicht in Sicht. Selbst in der langfristigen Planung ist keines zu finden. Wenn in einer solchen Situation dann auch die Haushaltsmittel für Forschung und Technologie nur spärlich oder überhaupt nicht fließen, muss schon die Frage erlaubt sein, ob hier nicht eine Kernfähigkeit der deutschen wehrtechnischen Industrie langsam verloren geht.

Mit dem Verlust der Minenjagdkompetenz, die eng mit der Drohnentechnologie verknüpft ist, wäre Deutschland auch der Einstieg in die heute so wichtig gewordene Technologie der autonomen Unterwasserfahrzeuge (AUV) versperrt. Diese Technologie darf nicht nur im Zusammenhang mit der Minenjagd gesehen werden. Sie ist generell für den gesamten Unterwasserseekrieg von großer Bedeutung. Deutschland war bisher auf einem guten Weg, dieses Gebiet kompetent zu besetzen.

Ohne technische Innovation würde zweifellos die Marine ihre Spitzenposition in dem so wichtigen Bereich des Littoral Warfare, den sie jahrzehntelang dominiert hat, allmählich verlieren.

Die Antwort auf die offenen Fragen kann nur die Deutsche Marine geben. Sie muss klar bekennen, ob sie die Seeminenabwehr weiterhin als eine Kernfähigkeit einstuft und ob sie ggf. die dafür erforderliche Ausrüstung wie bisher im eigenen Land entwickeln oder im Ausland beschaffen möchte.

Der Wehrtechniker kann nur den Sachstand aufzeigen und Lösungen anbieten.

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Interessant werden die aufgeworfenen Fragen, wenn man nachfolgenden Aufsatz von Christian B.W. Stuve (ThyssenKrupp Marine Systems) ließt. Hier spielt das Thema Minenabwehr lediglich in einem Satz eine Rolle, nämlich die Minenräumer als Exportartikel.

Nur wie will man zukünftig Schiffe und Boote exportieren, wenn der Technologiezug am abfahren ist und man selbst noch auf dem Bahnsteig steht?

QUOTE
Die maritimen Aspekte deutscher Sicherheit aus der Sicht der deutschen Marineindustrie

Für die Bundeswehr und damit auch für unsere Marine scheint der Kurs in die Zukunft abgesteckt. Die Bundesregierung hat dazu in den letzten Jahren schrittweise die notwendigen Entscheidungen getroffen. Es herrscht jetzt mehr Klarheit über Auftrag, Umfang, Struktur sowie über Prioritäten der Materialausstattung der Bundeswehr.

Die gegenwärtigen tief greifenden Veränderungen bei den Streitkräften bringen ähnlich einschneidende Veränderungen bei der wehrtechnischen Industrie mit sich. Hierauf muss sich die Industrie einstellen. Künftige Entwicklungen werden durch Gemeinsamkeiten wesentlich jedoch auch durch wechselseitige Abhängigkeiten zwischen Marine und Industrie geprägt.

Im Folgenden soll auf diesen Aspekt näher eingegangen werden, Herausforderung und Lösungsansätze skizziert, und daraus die Notwendigkeit des Erhaltes wehrtechnisch-maritimer Kernfähigkeiten in Deutschland abgeleitet werden.

(...)

[ Quelle ]

Der Beitrag wurde von BigLinus bearbeitet: 14. Sep 2006, 20:42


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Praetorian
Beitrag 12. Sep 2006, 09:42 | Beitrag #2
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Konteradmiral
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Gruppe: Globalmod.WHQ
Mitglied seit: 06.08.2002


Technisch gesehen sicherlich, wenn die Einheit groß genug ist - nur operationell sinnvoll ist das nicht.
Taktiken, Formationen und Fahrprofile bei der Minenjagd/-suche unterscheiden sich von denen bei der U-Jagd.
Zumindest ersetzen kann man eine dedizierte Minenjagdkomponente so nicht.

Als Ergänzung jener ist eine Minenabwehrkapazität auf anderen Einheiten durchaus denkbar und zum Teil auch schon umgesetzt, vgl. beispielsweise das amerikanische Remote Minehunting System AN/WLD-1, eine halbtauchende Minenortungsdrohne ohne Bekämpfungsfähigkeit, die u.a. von wenigen Arleigh Burke Flight IIA und zukünftig auch dem Littoral Combat Ship eingesetzt (werden) wird. Das stellt allerdings eher ein mobiles Minenmeidesystem dar, und kein Minenjagdsystem, auch wenn es so heisst.

Desweiteren wären noch verschiedene Typen zu nennen, die mittels Missionsmodulen zu (teils ausrüstungtechnisch praktisch vollwertigen, teils halbherzigen) Minenabwehreinheiten umgerüstet werden können, darunter die schwedischen Korvetten Visby, die dänischen Schnellboote Flyvefisken und zukünftig auch die bereits erwähnten amerikanischen Littoral Combat Ships.


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